Das Telefon klingelte. Es war ein kalter Morgen in Binzhou, direkt an der Bohai-Bucht in Nordostchina, der 27. Januar 2006, zwei Tage vor dem Mondneujahr. Eigentlich war es die Zeit, in der Familien zusammenkamen. Aber Qi Guanmei konnte nicht damit rechnen, dass ihre Tochter sie besuchen würde, für lange Zeit nicht.

Gong Xiaoyan (l.) und ihre Mutter Sun Dongxia am 31. August 2025. Sie entkamen der Verfolgung in China und bauten sich in Otisville bei New York ein neues Leben auf. Foto: Peter Sva/The Epoch Times
Sie hob den Hörer ab und vernahm eine vertraute Stimme: „Mama.“ Dann hörte sie nur noch Weinen am anderen Ende der Leitung. Auch der alten Dame strömten die Tränen über das Gesicht, als sie das Schluchzen im Hörer vernahm. Sie konnten beide nicht mehr sprechen, nur noch weinen.
Es war das erste Mal seit Monaten, dass die alte Frau Qi die Stimme ihrer Tochter hörte, und es sollte auch das letzte Mal sein.
Sie konnte den Schmerz nicht länger ertragen und brach im Flur zusammen: ein Schlaganfall, der zweite bereits. Kurz darauf war sie tot.
Währenddessen saß ihre Tochter Sun Dongxia unschuldig im Gefängnis. Sie war keine Kriminelle. Doch es gab keine Gerechtigkeit, nur Leiden.
Vier Monate zuvor war sie von einem Gericht zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, da Literatur über Falun Gong – jene Glaubensgemeinschaft, die von der Kommunistischen Partei Chinas seit 1999 brutal verfolgt wird – bei ihr gefunden worden war.
Fast 20 Jahre später erzählt Gong Xiaoyan der Epoch Times ihre Familiengeschichte – eine jahrzehntelange Tragödie der Verfolgung. Sie ist die Enkelin von Qi Guanmei und Tochter von Sun Dongxia. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrer Mutter in Freiheit in den USA, im Bundesstaat New York. Doch bis dahin war es ein langer Weg.
Wir wollten doch nur ein gutes Leben
Gong Xiaoyan wuchs in privilegierten Verhältnissen innerhalb des KPCh-Systems heran. Sie legt Wert darauf, zu betonen, dass sie sich damals der Art und Weise des Regimes, unter dem sie lebten, überhaupt nicht bewusst waren. „Wir dachten, die Regierung sei gut“, sagt sie. „Wir liebten unser Land und wir liebten die Partei. Denn so wurden wir von klein auf erzogen.“
Ihre Mutter arbeitete in der Propagandaabteilung eines staatlichen Unternehmens, ein Job mit guter Bezahlung und sehr wenig Arbeit, erklärt Gong.
Ihr Vater war Oberst in der Volksbefreiungsarmee. Von einem Militäroffizier seines Ranges wäre erwartet worden, dass er beträchtlichen Reichtum anhäuft, indem er seinen Einfluss gegen Geld und Gefälligkeiten eintauscht. Das war nicht nur üblich, so Gong, es war die Norm. Ihr Vater tat dies jedoch nie, seit er und Sun Mitte der 1990er-Jahre mit dem Praktizieren von Falun Gong begonnen hatten.
Die spirituelle Praxis wurde 1992 von Li Hongzhi erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt und verbreitete sich rasch in ganz China. Sie vereint ruhige, meditative Übungen mit einer Lehre, die auf den universellen Werten Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht beruht. Menschen, die Falun Gong – oder auch Falun Dafa genannt – praktizieren, berichteten häufig von einer Verbesserung ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit und ihrer Moral.
„Wir waren nicht reich“, sagt Gong, „aber wir hatten genug Geld, um ein gutes Leben zu führen.“

Gong erinnert sich noch an einen denkwürdigen Besuch ihrer Großmutter. Es war 1995, als sie die Familie in ihrem Haus in Qingdao besuchte, rund 320 Kilometer von Binzhou entfernt. Sie hatte ein Falun-Gong-Buch mitgebracht.
Gong Xiaoyan erklärt: Obwohl sie Mitglieder der KPCh und damit offiziell Atheisten gewesen seien, hätten sie die Spiritualität von Falun Gong äußerst faszinierend gefunden. Ihre beiden Eltern lasen das Buch an einem Tag durch. „Sie waren total aufgeregt.“
Eines Abends habe ihre Mutter ihren Vater dann gefragt: „Hast du dieses Buch gelesen?“
„Er sagte: ‚Ja.‘ Sie fragte: ‚Glaubst du, was in dem Buch steht? Glaubst du, dass es wahr ist?‘ Und mein Vater antwortete: ‚Ja, es ist wahr‘“, erinnert sich Gong.
Im Park in der Nähe ihres Hauses entstanden nach und nach fünf Falun-Gong-Übungsgruppen und viele weitere in anderen Parks. Gong Xiaoyan war damals zehn Jahre alt und ging fast jeden Morgen mit ihrer Mutter dorthin. Während Sun Dongxia die Übungen machte, spielte sie. Doch eines Tages fragte sie ihre Mutter, ob auch Kinder praktizieren dürften. Seitdem praktiziert sie Falun Gong.
Eiskalt: Der Wind dreht sich
Bis April 1999, sie war mittlerweile eine Jugendliche geworden, bemerkte sie nichts Ungewöhnliches. Doch dann wurden plötzlich in der Stadt Tianjin einige Falun-Gong-Praktizierende verhaftet. Sie hatten Bedenken hinsichtlich eines negativen Medienartikels über Falun Gong geäußert.
Viele Chinesen, die die Kulturrevolution erlebt hatten, wussten, dass öffentliche Verurteilungen in den Medien ein Vorbote für politische Veränderungen waren. Sie signalisierten, dass sich das Regime gegen Falun Gong stellte. Die Verhaftungen führten jedoch zu weiteren Beschwerden. Die Behörden von Tianjin schickten die Menschen zum Petitionsbüro nach Peking. Dies war der einzige Ort, an dem chinesische Bürger – zumindest in der Theorie – Beschwerden gegen das Regime vorbringen konnten.
So reisten am 25. April 1999 rund 10.000 Falun-Gong-Praktizierende nach Peking, um zum Petitionsbüro zu gehen. Die Polizei hielt sie jedoch auf und dirigierte sie stattdessen in die Straßen um Zhongnanhai, das Regierungsviertel und Machtzentrum der KPCh.
Die Menschenmassen warteten dort ruhig und geduldig, bis der damalige Premierminister Zhu Rongji herauskam und mehrere Vertreter zu einem Gespräch einlud. Als sie wieder herauskamen, erklärten sie, die Angelegenheit sei geklärt, und alle gingen wieder nach Hause.
Gong Xiaoyans Familie hatte damals von dem Ereignis, das später als „Stiller Protest von Falun Gong“ in die Geschichte eingehen sollte, überhaupt nichts mitbekommen. Sie hörten nur, dass einige Leute verhaftet worden waren und dass sich die Situation änderte.
Dann kam der 20. Juli 1999. Ihr Vater setzte sich wie jeden Abend ins Wohnzimmer, um sich die 19-Uhr-Nachrichten anzuschauen. Normalerweise dauerte die Sendung auf „CCTV“, dem wichtigsten Propagandasender der KPCh, 30 Minuten. An diesem Abend jedoch wurde ein einstündiges Sonderprogramm gebracht. Alles drehte sich um Falun Gong.

Gong erinnert sich noch genau an diesen Moment in ihrer Jugendzeit: „Es gab keine anderen Themen, keine anderen Inhalte. Ich stand die ganze Stunde vor dem Fernseher und schaute zu. Mir fiel die Kinnlade herunter. Ich habe mich nicht einmal bewegt.“
In der Sendung wurden Falun-Gong-Praktizierende als gefährliche Wahnsinnige dargestellt, die darauf aus seien, sich selbst und andere umzubringen. „Ich war damals 14 Jahre alt. Ich war sehr schockiert“, schildert sie die Situation:
„Ich wusste nicht, dass eine Regierung ihr Volk so belügen kann. Nichts, was sie in den Nachrichten sagten, war wahr. Es war völlig erfunden.“
Die Familie blieb jedoch ihrem Glauben treu. Sie beschloss, bei der Regierung von Qingdao eine Petition einzureichen.
„Viele Praktizierende sind dorthin gegangen. Sie wollten ihnen zeigen, dass Falun Gong gut ist. Es ist nicht so, wie es im Fernsehen dargestellt wird“, sagte Gong zurückblickend.
Jedoch: „Niemand wollte uns sehen oder mit uns reden.“
Einige Monate später begleitete Gong Xiaoyan ihre Mutter Sun Dongxia nach Peking zum Petitionsbüro. Weil sie die Adresse nicht kannten, gingen sie zum Tiananmen-Platz. Erst später erfuhren sie, dass es auf dem Platz von Polizisten in Zivil nur so wimmelte. Sie fragten dort jemanden nach dem Weg. Der Mann gab vor, ihnen zu helfen, und führte sie zu einem unscheinbaren Transporter. Er behauptete, dieser würde sie zum Petitionsbüro bringen. Sie stiegen ein.
Im Fahrzeug saßen bereits einige Leute, und es kamen nach ihnen noch weitere hinzu. Dann fuhr der Lieferwagen los. Er brachte sie an einen ihnen unbekannten Ort, in eine Art Büro. Dort mussten sie warten.
Nach einigen Stunden trafen Beamte aus Qingdao ein, um sie abzuholen. Am Bahnhof bestiegen alle den Zug nach Qingdao, der sich bald schon in Bewegung setzte. Das Mädchen kannte sie nicht. Sie stellten sich ihnen auch nicht vor. Sie sahen sie auch kaum an. „Sie haben uns behandelt, als wären wir psychotisch“, sagte sie.

Gehirnwäsche
Wie Gong Xiaoyan erklärt, sei ihre Familie von diesem Tag an konstant unter Druck gewesen. Ihre Mutter sei zur Empfangsdame degradiert worden. Regelmäßig habe sie bei ihrem Chef antanzen müssen, um sich ideologisch belehren zu lassen. Ziel sei es gewesen, sie davon zu überzeugen, das Praktizieren von Falun Gong aufzugeben.
„In erster Linie“, sagt sie, „mussten sie sicherstellen, dass du nicht nach Peking gehst. Das war das Wichtigste, denn wenn meine Mutter nach Peking gegangen wäre, hätten sie alle Geld verloren. Es betrifft also nicht nur meine Mutter oder den Vorgesetzten, sondern die ganze Firma. Sie alle würden ihre Prämien verlieren.“
Gong Xiaoyan erklärt weiter, dass allein die Tatsache, dass eine Falun-Gong-Praktizierende unter den Angestellten war, die Karriere des Vorgesetzten aufs Spiel setzte. Er würde bei Beförderungen übergangen und könnte deswegen sogar seine Stelle verlieren.
„Der Vorgesetzte und viele ihrer Kollegen waren sehr, sehr nette Menschen und sie taten viel, um ihr zu helfen. Sie versuchten, sie [meine Mutter] zu beschützen“, erinnert sich Gong. Es sei das „Büro 610“ gewesen, das sie unter Druck gesetzt habe, „sodass sie mit einem reden mussten und einem die ‚Schulung‘ geben mussten – alles, um sicherzustellen, dass man zu Hause bleibt“.
Die „Umerziehungsklassen“ des „Büro 610“
Das „Büro 610“ wurde zu Beginn der Verfolgung als eine außerhalb der Legislative stehende Gestapo-ähnliche Polizeieinheit ins Leben gerufen. Seine Aufgabe war und ist es, Falun Gong zu vernichten. Diese außerhalb der chinesischen Gesetze agierende Behörde errichtete auf jeder Ebene der Regierung Zweigstellen und durchdrang die gesamte Gesellschaft.
Inhaftierte Falun-Gong-Praktizierende werden routinemäßig Folter ausgesetzt, wie Menschenrechtsorganisationen und mehrere UN-Berichte dokumentieren. Mehrere unabhängige Untersuchungen ergaben, dass eine große, wenn auch schwer zu bestimmende Zahl von Falun-Gong-Praktizierenden getötet wurde, um Chinas Organtransplantationsindustrie anzukurbeln. Diese wuchs um das Jahr 2000 plötzlich massiv an.

Auch Gong Xiaoyans Mutter wurde wiederholt in solche „Umerziehungsklassen“ geschickt, die Tage oder auch Monate dauerten. Foto: Falun Dafa Informationszentrum
Immer wieder wurde ihre Mutter in sogenannte Umerziehungsklassen geschickt, eine Form der außergesetzlichen Inhaftierung, die in den frühen Jahren der Verfolgung üblich war. Es gab keine Anklage, keine Papiere und keinen festgesetzten Entlassungstag. Sun wurde an einen unbekannten Ort verschleppt, der meist als irgendein unbedeutendes Regierungsbüro getarnt war.
Dort war sie intensivem psychologischem Druck ausgesetzt und musste sich mit anderen Praktizierenden ihrer „Klasse“ den ganzen Tag lang Anti-Falun-Gong-Propaganda ansehen. Die Inhaftierung konnte Tage oder sogar Monate dauern, ohne dass Besuche oder auch nur Telefonate erlaubt waren.
Gong erklärt: „Sie können sie dort so lange behalten, wie sie wollen.“
Der Plan, eine Schülerin „umzuerziehen“
Weil ihr Vater oft eine ganze Woche oder einen ganzen Monat beruflich verreist war, kam Gong Xiaoyan als Mädchen manchmal von der Schule nach Hause und fand das Haus leer vor. Ihre Mutter? Vom Regime verschleppt.
„Meine Kindheit war voller Angst“, erinnert sich Gong Xiaoyan.
Nicht einmal in der Schule gab es ein Entkommen.
Mindestens einmal pro Woche wurde sie aus dem Unterricht geholt, um von den Lehrern „erzogen“ zu werden. Sie wollten sie „umerziehen“, was bedeutete, sie davon zu überzeugen, das Praktizieren von Falun Gong aufzugeben. Manchmal dauerte es 20 Minuten, manchmal den ganzen Nachmittag. Einige Lehrer versuchten, freundlich zu sein, andere schimpften.
„Sie sagten mir: ‚Wenn du deinen Glauben nicht aufgibst, will dich keine Schule bei der Bewerbung für die Oberschule, keine Schule kann dich aufnehmen.‘“
„Ich sagte: ‚Ich weiß, aber ich werde meinen Glauben trotzdem nicht aufgeben.‘“
Schließlich wurde sie an ihrer Wunschoberschule angenommen – unter einer Bedingung. „Sie sagten: ‚Wir möchten Sie kennenlernen. Sie sind ein nettes Mädchen und werden sich verändern. Deshalb haben wir Sie aufgenommen‘“, erzählt Gong Xiaoyan.
Die „Erziehung“ wurde in der Oberschule (Klasse 10 bis 12) mit zunehmender Heftigkeit fortgesetzt. Sie wurde mehrmals pro Woche aus dem Unterricht geholt.
Im Politikunterricht gab es Prüfungsfragen zu Falun Gong, bei denen die Schüler die ihnen aufgetischte Propaganda wiedergeben sollten. Sie ließ diese Fragen leer.
Eines Tages veranstaltete die Schule ein Ereignis, bei dem die Schüler während der morgendlichen Flaggenzeremonie ein großes Banner unterzeichnen sollten, das Falun Gong verurteilte. Die Lehrer wollten sich die Peinlichkeit ersparen, dass sich jemand weigern würde, zu unterschreiben. Sie versuchten, sie vorher zur Zustimmung zu bewegen, doch Gong verweigerte dies. Schließlich ließen die Lehrer sie stattdessen im Klassenzimmer warten.
Trotz der Beeinträchtigung ihres Lebens wurde Gong eine der besten Schülerinnen ihrer Schule. Sie bemerkte, dass sich einige Lehrer unfreiwillig an der Druckkampagne beteiligten. Sie konnte spüren, dass einige der Lehrer nur widerwillig an der Umerziehungskampagne teilnahmen.
„Ich wusste, dass dort viele nette Leute waren. Sie mussten ihre Arbeit machen. Das war ihr Job. Sie wollten das nicht tun, aber sie mussten. Das System zieht sie in die Hölle, damit sie gegen ihren Willen schlechte Dinge tun.“
Als sie kurz vor ihrem Abschluss stand, eskalierte der Druck. Man sagte ihr, keine Hochschule würde sie aufnehmen, es sei denn, sie gäbe ihren Glauben auf.

„Studieren zu gehen, ist die einzige Möglichkeit, eine strahlende oder normale Zukunft zu haben. Wenn du nicht auf die Hochschule gehst, ist es fast so, als wärst du am Ende. Du wirst ein elendes Leben führen“, so Gong Xiaoyan.
Der Sekretär des lokalen Kommunistischen Jugendverbands drohte ihr, sie aus der Schule zu werfen und in ein Arbeitslager zu schicken. Schließlich gab Gong nach. Die psychologische Falle, die ihr bei der Schulaufnahme gestellt worden war, indem sie als „nettes Mädchen“ bezeichnet wurde, das „sich verändern werde“, schnappte zu.
Sie unterschrieb ein Dokument, in dem sie erklärte, Falun Gong nicht mehr zu praktizieren. Heute sagt sie:
„Das ist die Sache, die ich in meinem Leben am meisten bereue.“
Die Familientragödie nimmt ihren Lauf
Es war im Jahr 2005, kurz bevor Gong ihr Studium an einer Hochschule in Shanghai beginnen sollte. Sie verbrachte die Sommerferien zu Hause. Eines Tages besuchten ihre Eltern ein paar Freunde. Als sich das Paar anschließend auf den Heimweg machte, wurde es plötzlich von Polizisten umzingelt und festgenommen.

Man fand einige Falun-Gong-Flyer in der Handtasche ihrer Mutter. Eine Hausdurchsuchung folgte, zusammen mit einer fadenscheinigen Anklage, die oft gegen Falun-Gong-Praktizierende verwendet wird: „Untergrabung der Gesetzesdurchsetzung“. Auch Gongs Vater verschwand. Die mittlerweile junge Frau nahm an, dass er in ein Gehirnwäschezentrum gebracht worden war, eine Vermutung nur, denn: „Niemand wusste, wo mein Vater war.“
Sie versuchte es an seiner Arbeitsstelle. Man warf sie hinaus. Ein Falun-Gong-Praktizierender gab ihr schließlich einen Hinweis. Sie sollte es mal in einer bestimmten Gehirnwäscheeinrichtung versuchen. Gong ging fast täglich dorthin. Man ließ sie jedoch nicht hinein. Schließlich kamen zwei Aufseher heraus, um mit ihr zu sprechen. Sie wollten jedoch nicht bestätigen, dass ihr Vater dort festgehalten wurde. Gong blieb hartnäckig. Nach einigen Besuchen gaben die Aufseher schließlich zu, dass ihr Vater in der Umerziehungseinrichtung war. Nach ein paar weiteren Besuchen erlaubten sie ihr, ihn zu sehen.
Als Gong ihren Vater sah, fing sie sofort an zu weinen. „Sein Haar und sein Bart waren ganz weiß geworden. Er schien innerhalb weniger Monate um 20 Jahre gealtert zu sein“, sagte sie. „Ich war so schockiert. Er konnte kaum laufen. Seine Hände zitterten.“
Nur wenige Minuten konnte sie bleiben, bevor man sie wieder wegschickte. Sie versuchte es wieder und wieder. „Ich bin einfach jeden Tag dorthin gegangen“, erinnert sie sich. Man habe sie aber nicht wieder hineingelassen. „Aber ich habe vor dem Tor gesessen.“
Einmal sah ihr Vater sie vom Fenster aus. Es gelang ihnen, sich ein paar Sätze zuzurufen, bevor er weggezerrt wurde. Es wurde kälter. Gong besorgte warme Kleidung für ihren Vater und gab sie ab. Wie sie später erfuhr, hatte er sie nie bekommen. Einmal wurde er so schwer geschlagen, dass seine inneren Organe verletzt wurden. Er kam ins Krankenhaus und anschließend nach Hause.
Doch wie erging es Gongs Mutter inzwischen?
Zu Gongs Mutter war kein Kontakt erlaubt. Das einzige Mal, dass die Familie sie sah, war während des Schauprozesses, bei dem sie zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Eine Freundin der Familie mit hochrangigen Verbindungen schickte ein paar Leute zum Gerichtsgebäude, um eine mildere Behandlung zu erreichen – ohne Erfolg.
Die Freundin erklärte ihr später, dass die Leute, die sie eingeschaltet hatte, so mächtig seien, „dass sie dich dort selbst dann rausholen können, wenn du jemanden getötet hast oder Drogendealer bist“. Sie habe auch gesagt, dass diese Leute alle möglichen Methoden hätten, um einen da rauszuholen. Man verbringe „wahrscheinlich nur ein oder zwei Jahre im Gefängnis“, meinte sie.
„Aber sie sagte, bei Falun Gong könne man nichts tun. Niemand könne etwas dagegen ausrichten“, erklärt Gong Xiaoyan den Reportern der Epoch Times.
Sie konnte damals nicht begreifen, was eigentlich passiert war. Sie konnte nicht einmal weinen. Erst als sie später in einer Lokalzeitung las, dass ihre Mutter und eine weitere Falun-Gong-Praktizierende verurteilt worden waren, erfasste es sie. „Ich habe einfach nur geweint. Meine Oma weinte sogar noch schlimmer. Sie konnte es nicht ertragen. Es war zu schmerzhaft für sie. Sie fiel einfach aufs Bett und weinte herzzerreißend. Mir wurde klar: Okay, ich muss aufhören zu weinen, weil es für meine Oma zu heftig ist.“
Bald darauf, die Sommerferien waren vorbei, musste Gong Xiaoyan zurück zur Hochschule. Ihre Großeltern begleiteten sie zum Busbahnhof. Sie versuchte, sich zusammenzureißen. Ihr Herz schmerzte, als sie sie weggehen sah. Ihre Oma wog nur noch halb so viel wie vor ein paar Monaten. Gong brach in Tränen aus. „Die Kleider saßen so locker an ihr.“
„Jeder schaute mich an. Vielleicht dachten sie, ich weinte aus Heimweh.“
Kurz darauf hatte ihre Oma den ersten Schlaganfall. Sie erholte sich gut, eine Tatsache, die sie den Falun-Gong-Übungen zuschrieb. Aber ihr Blutdruck war extrem hoch und die Ärzte rieten ihr, sich nicht aufzuregen – ein fast unmögliches Unterfangen in dieser Situation.
In den Winterferien besuchte Gong wieder ihre Großeltern in Binzhou. Es war ein Freitag, als der Anruf von ihrer Mutter aus dem Gefängnis kam. Es war auch jener kalte Januartag, kurz vor Neujahr, an dem ihre Oma starb.
Ein neues Leben
Während des Studiums traute sich Gong Xiaoyan nicht, jemandem zu erzählen, dass sie immer noch Falun Gong praktizierte. Sie sprach zwar mit ihren Freunden über Falun Gong, verriet aber nie, dass sie selbst praktizierte. Einmal pro Monat besuchte sie ihre Mutter im Gefängnis.
2007 schloss Gong ihr Studium mit einem Bachelor in Grafikdesign ab und nahm eine Stelle in Shanghai an. Ihre Mutter, Sun Dongxia, erhielt für die Zwangsarbeit im Gefängnis eine Haftverkürzung von einem Jahr und kam 2009 frei.
Gong Xiaoyan entschied dann, ins Ausland zu gehen. Sie fand einen Job bei einer chinesischen Firma in Nigeria und ein Jahr später einen anderen in Botswana. „Ich wollte schon immer verschiedene und neue Dinge ausprobieren“, sagt sie. „Ich war gespannt auf Afrika.“
Sie verliebte sich in den Kontinent. Wie sie erklärt, habe dort trotz der Armut Freude geherrscht und ein Gefühl von Freiheit, das es in China nicht gegeben habe. Sie fand eine weitere Arbeitsstelle bei einem lokalen Unternehmen in Südafrika. Von dort aus ging es 2011 weiter nach San Francisco, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernte. Sie heirateten 2013. Ein paar Jahre danach konnten sie eine kleine Tochter willkommen heißen.
Ihre Mutter kam für einige Monate aus China zu Besuch, um der jungen Familie zu helfen. Als Sun jedoch nach China zurückkehrte, wurde sie erneut von der Verfolgung getroffen.
Ein letzter Schlag
Im Oktober 2017 besuchte Gong Xiaoyans Vater einen befreundeten Falun-Gong-Praktizierenden. Er kam gerade in dem Moment an, als die Polizei seinen Freund verhaftete. Er wurde ebenfalls festgenommen. Anschließend durchwühlte die Polizei seine Wohnung. Seine Ehefrau, Sun Dongxia, wurde in Gewahrsam genommen. Als die Polizei sie zu den in der Wohnung entdeckten Falun-Gong-Materialien befragte, erklärte sie, nichts davon zu wissen und gerade erst von einem Besuch bei ihrer Tochter im Ausland zurückgekehrt zu sein. Man ließ sie gehen. Sun verließ umgehend China und reiste zu ihrer Tochter nach Amerika, um sich ihr anzuschließen.
„Sonst wäre sie wieder mitgenommen worden. Sie wäre da sicher nicht mehr rausgekommen“, sagt Gong Xiaoyan zu den Reportern.
Ihr Vater wurde zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Frau und seine Tochter versuchten, durch Briefe mit ihm in Kontakt zu bleiben. Aber es habe Monate gedauert, bis sie Antwort erhalten hätten, schildert Gong. „Seine Briefe mussten alle von der Polizei überprüft werden. Du kannst nicht einfach sagen, was du willst.“ Sie erklärt, er habe schreiben müssen: „Mir geht es gut hier. Macht euch keine Sorgen um mich.“ Was dort wirklich vor sich gegangen sei, hätten sie jedoch nicht gewusst.

Im April 2021 erhielt Gong Xiaoyan einen Anruf von einem Verwandten in China. Er teilte ihr mit, dass ihr Vater gestorben sei. Nach offizieller Version hatte er schwere Hypertonie (Bluthochdruck) entwickelt und starb an einem Schlaganfall. Seine Familie ist jedoch überzeugt, dass die gesundheitlichen Probleme von den Misshandlungen herrührten.
„Er war ein gesunder Mann. Er hatte keine Krankheiten“, versichert seine Tochter Gong Xiaoyan.
„Der Staub der Zeit“
Als Gong Xiaoyan die Geschichte ihrer Familie erzählt, sitzt sie auf einem Sofa mit flauschigen Kissen. Ihr makelloses Zuhause im ländlichen Norden des Bundesstaates New York spiegelt ihr ruhiges, gelassenes Wesen wider. Als Vollzeithausfrau konzentriert sie sich voll und ganz auf ihre Tochter. Die tödlichen Misshandlungen des kommunistischen Regimes in China scheinen hier sehr weit entfernt zu sein.
„Doch die Erinnerungen bleiben.“ Sie zitiert ein chinesisches Sprichwort:
„Der Staub der Zeit, wenn er auf den Kopf eines Menschen fällt, ist wie ein Berg.“
„Ich blicke nicht zurück, nur wenn ich muss, weil es zu schmerzhaft ist. Die Geschichte meiner Familie ist keine Besonderheit, nur eine von Millionen Geschichten von Falun-Gong-Praktizierenden in China. Die Praktizierenden um uns herum, die nach dem Beginn der Verfolgung weiterhin an ihrem Glauben festhielten, haben alle ähnliche oder sogar noch tragischere Geschehnisse erlebt“, erklärt Gong. „Es ist nicht nur eine Tragödie für den Einzelnen, sondern auch für die Familien und Freunde.
Die Verfolgung betrifft jeden um einen herum: in der Gemeinde, am Arbeitsplatz, in der Schule – und in jedem Winkel der Gesellschaft. Jeder in der Gesellschaft musste seine Haltung zu Falun Gong offenlegen.
Die ganze Nation wurde betrogen. Die Menschen sind gezwungen, Entscheidungen entgegen ihrem Gewissen zu treffen, um sicher zu sein. Die Verfolgung von Falun Gong durch die KPCh führte zu einer drastischen Verschlechterung der allgemeinen moralischen Standards des chinesischen Volkes. Sie zieht die ganze Nation und alle ihre Menschen hinab in die Hölle.“
Quelle: https://www.epochtimes.de/china/der-glaube-der-sie-durch-die-hoelle-trug-teil-1-a5237167.html








