Silbernes Mondlicht setzt einen einsamen Holzstuhl auf der Bühne in Szene. Daneben steht eine Frau, gekleidet im Stil der 1940er-Jahre. Ihr Blick durchdringt den Raum und ruht in der Ferne. Das ist der Schluss von Karina Fus Tanz: 1948. Dann Stille.
Das Publikum scheint den Atem anzuhalten – als könne es die Anspannung auf fernen Schlachtfeldern spüren, das Dröhnen der Flugzeuge am Himmel hören und den Schmerz der Frau erahnen, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Als die Musik verklingt, dreht die Tänzerin langsam ihren Kopf. Ein Anflug von Überraschung, subtil und doch unübersehbar, huscht über ihre Augen. Ist ihr Liebster zurückgekehrt, oder ist es nur eine Täuschung des Windes? Der Tanz endet abrupt und hinterlässt unzählige Fragen.
Der Vorhang fällt. Tosender Applaus. Das war der Moment, welcher der Shen-Yun-Tänzerin Karina Fu die Goldmedaille in der Jugendklasse der Frauen beim 11. Internationalen NTD-Wettbewerb für klassischen chinesischen Tanz im September 2025 bescherte. Auf ihren Sieg angesprochen, zeigt sich die Gewinnerin auffallend bescheiden.
„Durch Tanz kann man Gefühle ausdrücken, aber noch wichtiger ist: Er lehrt Selbstbeherrschung. Kunst kennt keine Grenzen; Tanzen bedeutet für mich Kultivierung.“
Während viele ihrer Altersgenossen nach ungezügelter Freiheit streben, hat Karina Fu ihren Erfolg durch eine archaische, beinahe in Vergessenheit geratene Disziplin erreicht: die konsequente Kultivierung von Selbstbeherrschung und geistiger Konzentration.

Eine kulturelle Odyssee
Fus Reise begann vor 13 Jahren mit einem einsamen Umzug aus einer kleinen chinesischen Stadt. Ihr Ziel: die Fei Tian Academy of the Arts in New York. Ihr Weg birgt eine gewisse Ironie, denn erst durch die Überquerung des Pazifiks bot sich ihr die Gelegenheit, der 5.000 Jahre alten Essenz ihrer eigenen Kultur näherzukommen.
Doch wie kann eine junge Frau in einer hypermodernen Welt die Werte einer alten Zivilisation verkörpern? Fu schreibt dies einer verborgenen Alchemie zu: dem Lesen. Für sie sind Bücher Portale – jedes bietet ein Leben, das weit älter und reicher ist als ihr eigenes.
„Lesen ist wie die Gärung von Wein“, sagt sie mit einer unbekümmerten Gelassenheit, die im Widerspruch zu ihrem jugendlichen Gesicht steht. „Wir erinnern uns selten an jede Mahlzeit, die wir zu uns genommen haben, doch sie prägt unsere Struktur. Mit der Kultur verhält es sich genauso. Sie ist kein Zauberspruch für eine sofortige Verwandlung, sondern ein langsamer Gärungsprozess. Es braucht Zeit. Sobald ein Wendepunkt erreicht ist, sprudelt die Wirkung einfach aus einem heraus.“
Für Fu ist die traditionelle chinesische Kunst genau ein solcher Katalysator, eine Form geistiger Nahrung. Bei Fei Tian bot sich ihr die Gelegenheit, in eine Welt des klassischen Tanzes und Denkens einzutauchen, sodass jahrtausendealte Poesie und Weisheit tief in ihr Innerstes eindringen konnten.
Für eine professionelle Tänzerin sind Müdigkeit und Erschöpfung unvermeidlich. In solchen Momenten wendet sich Fu dem legendären Gelehrten Su Shi aus der Song-Dynastie (960–1279) zu. Er lebte im Exil, trat seinem Schicksal jedoch mit ungebrochener Würde entgegen. Diese Haltung spiegelt sich in vielen seiner Gedichte wider: „Rückblickend auf den düsteren Weg, den ich gekommen bin, kehre ich zurück – ob durch Wind, Regen oder bei Sonnenschein, spielt keine Rolle.“ (eigene Übersetzung)
Genau diese Perspektive verleiht Fu ihre Widerstandsfähigkeit und ihr Durchhaltevermögen – nicht durch Willenskraft, sondern dank einer Seele, die ihre Mitte gefunden hat.

Unter den Entbehrungen des hochintensiven Trainings wandeln sich diese philosophischen Überlegungen in innere Entschlossenheit. Täglich 300 Mal Beinheben sind zur Routine geworden; in ihrer Hochphase schafft Fu 600, ja sogar 900 Stück. An einem solchen Tag, als die Erschöpfung nach einer Pause drängte, kam ihr eine Passage aus den Anweisungen des Kaisers Kangxi in den Sinn. Demnach betrachten die Weisen Fleiß als Segen und Müßiggang als Unglück.
Ihr wurde klar, dass Bequemlichkeit selten von Vorteil ist. Glück hingegen wird durch ständiges Training geschmiedet. „Sich zu überwinden, bereitet Freude“, sagt sie. „Das ist kein flüchtiges Vergnügen, sondern ein tiefes, spirituelles Glück.“
Der größte Rivale einer Tänzerin ist laut Fu selten der Körper, sondern das innere Selbst. Bei Sprüngen aus großer Höhe sei nicht die Schwerkraft das eigentliche Hindernis, sondern die Angst.
„Wenn man nicht daran glaubt, dass man es schaffen kann, versagt selbst ein leistungsfähiger Körper“, erklärt Fu und verweist auf ein Zitat von Laotse: „Wer andere besiegt, ist stark; wer sich selbst, hat Macht.“
Diese mentale Disziplin hat sich zu der Fähigkeit entwickelt, loslassen zu können. , loslassen zu können. Im Rückblick auf den jüngsten Wettbewerb bemerkt Fu: „Wenn man von dem Gedanken ‚Ich muss perfekt sein‘ völlig eingenommen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, zu scheitern, größer.“
Daher betrat sie die Bühne ganz unbekümmert und sagte sich, dass dies vielleicht ihr letzter Auftritt sein könnte. Mit dieser Haltung disziplinierter Losgelöstheit erreichte sie Spitzenleistungen.

Die Weisheit des Kreises
In einer Zeit, in der Tänzer ständig danach streben, „Grenzen zu sprengen“, verdeutlicht Fu eine auf den ersten Blick widersprüchliche Erkenntnis: Kraft liegt nicht in der bloßen Schwungkraft, sondern im feinen Gleichgewicht zwischen Vorrücken und Zurückweichen.
„Die chinesische Kultur ist zurückhaltend“, erklärt sie. „Wie ein Gentleman, edel wie Jade, der nur so viel spricht, dass er die Wahrheit erahnen lässt.“ Diese Ästhetik des Unausgesprochenen findet ihren visuellen Ausdruck im Kreis.
„Der Kreis ist die Essenz des klassischen chinesischen Tanzes“, so Fu weiter. Ein Kreis sei mehr als eine geometrische Form, er sei der Motor der Bewegung. Während das westliche Ballett die Geradlinigkeit schätzt, wird der klassische chinesische Tanz von der Kreisbewegung dominiert, die sich sowohl auf der körperlichen Ebene als auch im Fluss des Qi manifestiert.
Es ist eine Logik des Paradoxons: Um sich nach rechts zu bewegen, muss man sich zunächst nach links neigen; um vorwärtszugehen, muss man erst einen Schritt zurücktreten.
Jeder Anstrengung geht eine Gegenbewegung voraus, und jede Ausdehnung birgt das Versprechen in sich, zurückzukehren. Dieses Gesetz von Ursache und Wirkung erzeugt einen Fluss, der wie treibende Wolken oder fließendes Wasser ist: unaufhörlich, selbsttragend und endlos wiederkehrend.
Fu betrachtet diese Kreisförmigkeit als einen roten Faden, der alle traditionellen chinesischen Künste miteinander verbindet. Sie sieht darin eine direkte Verbindung zur „Kampfformation des Pinsels“, dem gemeinsamen Weg von Schwert und Pinsel. Diese Philosophie, die Pinselstriche mit erstaunlicher Lebendigkeit beschreibt, führt zurück auf Lady Wei, Lehrerin des legendären Kalligrafen Wang Xizhi (303–361) aus dem vierten Jahrhundert. Darin heißt es:
„Ein horizontaler Strich ist wie tausende Meilen von Wolkenformationen; ein Punkt wie ein Stein, der von einem hohen Berg fällt; ein schwungvoller Abwärtsstrich wie das abgetrennte Horn eines Nashorns; ein vertikaler Strich wie eine zehntausend Jahre alte, verdorrte Rebe; ein drückender Abwärtsstrich wie tosende Wellen und grollender Donner.“ (eigene Übersetzung)
„Der Tanz und die Tinte teilen sich dieselbe Seele“, sagt Fu. „Man kann keine ‚Tinte‘ (den Geist) ohne ‚Knochen‘ (die Struktur) haben. Doch ‚Knochen‘ ohne ‚Fleisch‘ (die Fülle der Form) lassen einen erschlaffen, wie einen Tintenfisch. Um wirklich zu tanzen, muss man den Stamm, die Äste und die schwer greifbare Essenz zugleich in sich vereinen.“
Es sei diese aus den Tiefen der klassischen Kultur geschöpfte Lebenserfahrung, die ihrem Tanz „Knochen und Muskeln“ verleihe, sodass sie eine beeindruckende Tiefgründigkeit und meisterhafte Ausdruckskraft erreiche.

Eine verborgene Orchidee in voller Blüte
Heute beschreibt Fu ihren idealen künstlerischen Zustand anhand der Metapher von You Lan, der verborgenen Orchidee.
„Tanz verlangt Demut und Aufrichtigkeit, gleichzeitig schenkt er eine ganz besondere Art von Selbstvertrauen. Wie eine Orchidee, die in der Einsamkeit eines tiefen Tals blüht, steht er für eine elegante, kaum wahrnehmbare Gewissheit, eine innere Entwicklung, die keiner Zeugen bedarf.“
Ihre Fortschritte hat sie dem konfuzianischen Prinzip „junzi bu qi“ nähergebracht: Der edle Mensch entspricht keiner starren Form oder einem Werkzeug.
„Ein großartiger Darsteller spielt nicht einfach nur sich selbst“, reflektiert sie. „Wenn man auf der Bühne in unterschiedliche Rollen schlüpft, gewinnt man verschiedene Einsichten darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein.“
Diese Einstellung finde sich auch im I Ging, dem Buch der Wandlungen: „Was über der Form steht, bezeichnet Dao; was unter der Form steht, nennt man Werkzeug.“ (eigene Übersetzung) Mit anderen Worten: Wenn ein Tänzer seinen Körper lediglich als Werkzeug betrachtet, beschränkt sich seine Kunstfertigkeit auf das Physische. Nur wer die Technik mit Gedanken, Emotionen und Selbstreflexion – dem metaphysischen Dao – erfüllt, kann im Tanz über die Form hinauswachsen und das Publikum tief in der Seele berühren.
Wenn Fu jährlich mit Shen Yun auf Welttournee geht, schlendert sie zuweilen über tausend Jahre alte Kopfsteinpflasterstraßen europäischer Städte und genießt das Abenteuer, „zehntausend Meilen zu reisen“. In den alten Gemäuern von Kyoto spürt sie den Nachhall ferner Zeiten aus der Tang- und Song-Dynastie.
Auf der Bühne hat sie gelernt, ihren Egoismus abzulegen. Egal, ob sie eine tapfere mongolische Jungfrau oder eine tollpatschige alte Frau darstellt – sie empfindet in allem große Freude.
Damit hat sich der Kreis geschlossen, denn wie sie anfangs sagte, gilt: „Kunst kennt kein Ende; Tanzen bedeutet für mich Kultivierung.“
Quelle: Die stille Kraft hinter dem Erfolg der Shen-Yun-Tänzerin Karina Fu
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