Shen-Yun-Tänzerin Michelle Lian über den Zustand der Schönheit

„Schönheit entsteht für mich aus vielen kleinen Facetten“, sagt Michelle Lian, die zu den weltweit besten Tänzerinnen des klassischen chinesischen Tanzes zählt und für das international gefeierte Ensemble Shen Yun auftritt.

Im klassischen chinesischen Tanz, so Lian, nehmen Tänzerinnen etwa eine Mudra – eine Handhaltung – ein, die als „Lotusfinger“ bekannt ist. Sie wirkt schlicht, doch in den feinen Nuancen jeder einzelnen Hand spiegelt sich die Persönlichkeit der Tänzerin wider.

„Wenn man den Finger nur ein kleines bisschen tiefer oder höher bewegt, verändert dieses kleine Detail bereits die Haltung“, sagt sie.

„Dass ein Finger etwas höher angesetzt ist oder stimmiger wirkt, ist Ausdruck ihres ‚Yun‘“, erklärt sie – jener inneren Haltung und Ausdruckskraft, die jede Tänzerin prägt. Sie bestimmt die exakte Position der Hände bis hin zu jedem einzelnen Finger.

„Das ‚Yun‘ muss zart und mitfühlend sein. Es muss für andere Menschen angenehm anzusehen sein“, sagt Lian.

Doch um diesen Maßstab an Schönheit zu erreichen, bedarf es enormer Standhaftigkeit.

„Sehe ich eine Tänzerin, die für einen Augenblick absolute Perfektion erreicht, berührt mich das – weil ich weiß, wie viel Hingabe dahintersteht“, sagt Lian. „Das heißt, sie hat es mehr als 10.000 Mal geprobt.“

Doch Schönheit hat viele Dimensionen und Ebenen. Lian sagt, dass das, was man äußerlich sieht, nicht das Wesentliche der Schönheit ist.

„Schönheit ist etwas, das bei anderen Menschen ein positives Gefühl hervorruft.“

Michelle Lian ist überzeugt, dass ihr Ausdruck als Tänzerin widerspiegelt, wer sie als Mensch ist. Foto: Binggan Zhang

Lernen, schön zu sein

„Ich glaube nicht, dass ich mich je wirklich schön gefühlt habe – es gibt immer Raum für Verbesserung“, sagt Lian. „Schönheit braucht Zeit und Übung.“

Sie sagt, Selbstvertrauen sei ein wesentlicher Bestandteil von Schönheit.

„Auch wenn Haltung und Bewegungen einer Tänzerin technisch überzeugen – ohne Selbstvertrauen fehlt der Darbietung die innere Substanz“, sagt sie.

Als Lian ihre erste Hauptrolle als Tänzerin erhielt, war sie sich nicht sicher, ob sie diese verdient hatte. Während der Proben wurde ihr vorgeworfen, es mangele ihr an Selbstvertrauen.

„Es braucht Mut, sich der eigenen Unsicherheit und Angst zu stellen, daran zu wachsen und so das nötige Selbstvertrauen im Tanz zu entwickeln“, sagt sie.

In „Yellow Flowers“, einer ihrer frühen Hauptrollen, waren die Bewegungen einfach und technisch überschaubar; im Mittelpunkt stand das innere Gefühl.

Michelle Lian (Mitte) strahlt bei ihren Aufführungen klassischer chinesischer Tänze innere Schönheit aus. Foto mit freundlicher Genehmigung von Shen Yun Performing Arts

„Früher war mein Lächeln nur äußerlich, fast wie eine Maske“, sagt sie. „Innerlich war ich angespannt, beschäftigt mit Tempo und der Abstimmung im Ensemble, damit der Tanz perfekt wirkt. Doch im klassischen chinesischen Tanz geht es auch darum, das auszudrücken, was im Inneren verborgen ist.“

Ihre Teamkolleginnen konnten ihren Mangel an Selbstvertrauen erkennen. Bei einer Probe vor der Tournee wurde Lian bewusst, dass alle erfahrenen Tänzerinnen etwas Besonderes taten, um ihr zu helfen.

„Bei allen Bewegungen, die sie ausführten, versuchten sie, sich selbst weniger in den Vordergrund zu stellen, damit ich aus der Gruppe besser hervortrete“, sagt sie. „Sie haben während des gesamten Tanzes nur an mich gedacht. Mir war gar nicht bewusst, wie viel mehr Mühe sie sich tatsächlich geben mussten, damit ich wie eine Hauptdarstellerin wirke.“

Diese Unterstützung zu spüren, bewirkte bei Lian eine tiefgreifende Veränderung.

„Ich habe das Selbstvertrauen nicht aus mir selbst geschöpft“, sagt sie. „Meine Teamkolleginnen haben es mir geschenkt. Nach dieser Probe wusste ich, dass ich auf ihre starke Unterstützung zählen konnte.“

Lian wurde bald auf die Probe gestellt und musste ihre innere Stärke aus eigener Kraft finden.

Michelle Lian ist auf dem Plakat von Shen Yun Performing Arts für das Jahr 2019 zu sehen. Foto mit freundlicher Genehmigung von Shen Yun Performing Arts

Selbstvertrauen durch Selbstlosigkeit

Vor einigen Jahren war Lian mit einer Tourneeproduktion unterwegs und tanzte die Hauptrolle in der Kurzaufführung „Lotus Fairies“. Als anmutige Lotusfee musste sie zahlreiche anspruchsvolle akrobatische Elemente meistern – darunter tiefe Rückenbeugen und hohe Sprünge, die einen kräftigen und zugleich geschmeidigen Rücken erfordern. Doch ausgerechnet zu dieser Zeit machte ihr eine Rückenverletzung zu schaffen: Sie konnte ihren Rücken nicht mehr frei und ohne Schmerzen beugen.

„Selbst beim Gehen tat es weh“, sagt sie. Ihre Rückenschmerzen hielten zwei Wochen lang an – gerade in einer sehr arbeitsreichen Phase der Saison, in der sie oft zwei Vorstellungen pro Tag hatte.

„Ich war vor jeder Vorstellung nervös. Keiner im Publikum weiß, was passiert ist oder wie sehr man mit sich selbst kämpft. Trotzdem trägt man die Verantwortung, den Zuschauern die bestmögliche Aufführung zu bieten. In solchen Momenten weiß man, dass man auf die Bühne gehen muss – und dann tut man es einfach.“

Zwischen den Auftritten humpelte Lian herum. Wenn die Schmerzen am stärksten waren, dachte sie an das Publikum und an alle anderen außer sich selbst. „Es geht darum, meine persönlichen Gefühle beiseite zu stellen. Ich bin nur eine Person.“ Sie dachte an das Orchester, die anderen Tänzer, alle Teammitglieder hinter den Kulissen, die Veranstalter und die Tausenden von Zuschauern, die eine Eintrittskarte gekauft hatten, um Shen Yun zu sehen.

Michelle Lian in „Die Geschichte von Liang Zhu“ aus der Shen Yun-Welttournee 2019. Foto mit freundlicher Genehmigung von Shen Yun Performing Arts

„Wenn ich meine persönlichen Gefühle mit auf die Bühne nehmen würde, würde das Publikum das spüren – und vielleicht würde es sich dadurch unwohl fühlen“, sagt sie. „Diese Enttäuschung der Zuschauer würde für mich viel schwerer wiegen als die körperlichen Schmerzen, die ich in diesem Moment hatte.“

Wenn Lian diese Einstellung hatte, verschwanden ihre Schmerzen oft, sobald die Musik ertönte und sie die Bühne betrat. Sobald sie mit dem Tanzen fertig war, kehrten die Schmerzen wieder zurück.

„Es war ein Wunder, dass ich in dieser Zeit überhaupt auftreten konnte“, sagt sie.

Nachdem sie diese zwei Wochen trotz ihrer Rückenschmerzen auf der Bühne durchgestanden hatte, änderte sich Lians gesamte Einstellung zum Tanz.

„Es spielt keine Rolle, ob sich dein Körper perfekt anfühlt oder nicht. Was wirklich zählt, ist deine innere Einstellung“, sagt sie.

„Selbstvertrauen ist eine der Facetten der Aufrichtigkeit. Es kommt von innen. Wenn du selbstbewusst genug sein willst, um dein Innerstes zu zeigen, muss dein inneres Selbst schön genug, wahrhaftig genug und mitfühlend genug sein, um dir das Selbstvertrauen zu geben, dies zu zeigen. Du musst dich selbst auf eine höhere Ebene heben, um positive Energie auszustrahlen.“

Quelle: Shen Yun Dancer Michelle Lian on Achieving a State of Beauty

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