Traditionelle chinesische Architektur feiert Renaissance in New York

In der New Yorker Community „Dragon Springs” blühen die Schönheit und die Pracht der Tang-Dynastie wieder auf. Aber wie kam es dazu?

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Ein Glockenturm mit einer großen bronzenen Glocke erhebt sich im farbenfrohen Herbstlaub. Derartige Glocken wurden traditionell in chinesischen Tempeln verwendet, um den Lauf der Zeit anzuzeigen.Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dragon Springs.

Nur eine Stunde vom Trubel der New Yorker Großstadt entfernt, in einer idyllischen Senke mit sanften Hügeln, hat eine kleine Gruppe chinesischer Einwanderer begonnen, der traditionellen Architektur und Kultur aus ihrer Heimat neuen Glanz zu verleihen. Das Herzstück dieser Gemeinschaft bildet ein Gebäudekomplex, der wie aus einem klassischen chinesischen Roman entsprungen scheint. Die Anlage trägt den Namen „Dragon Springs“.

Quelle: https://magnifissance.com/arts/traditional-chinese-architecture/
Teilausschnitt von einer Pagode im Stil der Tang-Dynastie im Nordwesten von New York.Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dragon Springs

Lai Hanchang, der Bauleiter des Projekts, führt uns durch die Werkstatt, in der er die Balken und Dachvorsprünge für neue Gebäude von Hand schnitzt. Diese werden – wie alles andere in Dragon Springs – mit traditionellen Methoden der Zimmermannskunst gefertigt. In den Bauwerken gibt es keinen einzigen Nagel oder eine Schraube.

„Die geraden, weit ausladenden Dächer der Tang-Dynastie waren edel und grandios, ganz wie die Menschen jener Zeit, die alle Aspekte des Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus in sich vereinten“, sagt Lai Hanchang, Erbauer traditioneller chinesischer Architektur.

Dem Weg folgen

Im Jahr 2001 zog Lai von Taiwan auf einen, damals fast vollständig bewaldeten, Berg im Westen des US-Bundesstaates New York. Alles, was er wusste, war, dass eine kleine Gruppe von Falun-Dafa-Praktizierenden unter der Leitung von Li Hongzhi, dem Begründer der Lehre, einen weitläufigen Komplex mit originalgetreuen Gebäuden im Stil der Tang-Dynastie errichten wollte.

„Damals wusste ich absolut nichts über die Architektur der Tang-Dynastie und den Bau traditioneller Holzkonstruktionen“, erinnert sich Lai. In seiner Heimat hatte er als Möbeltischler gearbeitet. Aber als er begann, mit Meister Li zusammenzuarbeiten, entwickelte er ein intuitives Verständnis für die verlorenen Künste der Holzverbindungen und Bautechnik – Fertigkeiten, die vor über tausend Jahren während der Tang-Dynastie in China perfektioniert worden waren.

Lai war mit Falun Dafa, einer Meditationslehre zur Veredelung von Körper und Geist, erstmals im Jahr 1997 durch seine Familie in Berührung gekommen. Sie hatten ihm von den Grundprinzipien – Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit, Nachsicht – erzählt. Von dem Moment an, als er begann, die sanften Übungen zu praktizieren und die Lehre von Meister Li zu studieren, durchdrang Falun Dafa jeden Aspekt seines Lebens. Aber nie hätte er sich in jenen Tagen träumen lassen, wohin ihn diese wunderschöne spirituelle Praxis eines Tages führen würde – zur Errichtung einer Pagode oder einer prachtvollen Halle, inspiriert von den größten Architekten und Kaisern der chinesischen Geschichte.

Erinnerungen an vergessene Zeiten

Nur sehr wenige Bauwerke aus der Tang-Dynastie sind bis heute erhalten geblieben. Selbst Bücher und Pläne existieren kaum noch. Das alte Wissen um die Tang-Architektur war fast vollständig verloren gegangen. Lai jedoch wurde von seinem Lehrer in diese Kunst eingeführt.

„Meister Li brachte uns alles bei. Er zeigte uns, wie man Sunmao-Verbindungen ohne Nägel herstellt und Gebäude im Dougong-Stil konstruiert.“

Anhand eines Modells des Gebäudes demonstriert Lai die Besonderheiten der traditionellen chinesischen Architektur mit ihren verzahnten Bogenkonstruktionen. Der Bauherr verbindet die Wände und das Dach, ohne einen einzigen Nagel zu verwenden. Fotos: Jimmy Xie

Sunmao ist eine traditionelle chinesische Zimmermannstechnik, bei der Holzteile durch Verzapfungen ohne Nägel und Schrauben verbunden werden. Als „Dougong“ bezeichnet man ein kunstvolles Geflecht aus verzahnten Hölzern, das die Wände, Pfeiler und Dächer miteinander verbindet und die weit ausladenden Dachvorsprünge stützt.

In seiner Heimat Taiwan galt Lai als nicht besonders geschickter Handwerker. Im Gegenteil: Er musste sich doppelt so viel Mühe geben wie alle anderen, um moderne Konstruktionspläne zu verstehen. Doch während die komplexen Konstruktionen der traditionellen Sunmao- und Dougong-Techniken von Dragon Springs selbst die erfahrensten Architekten vor eine Herausforderung stellten, bemerkte Lai überrascht, dass er sie gut begreifen konnte.

„Buddhistische Lehren glauben an Wiedergeburt. Wir alle haben Vorleben. Ich glaube, dass ich diese Techniken schon in meinen früheren Leben ausgeübt habe. Durch das Praktizieren von Falun Dafa wurden diese Erinnerungen und diese Weisheit in mir freigesetzt“, so Lai.

Die glorreiche Tang-Dynastie

„Meister Li widmet sich der Wiederbelebung der göttlich inspirierten traditionellen chinesischen Kultur in allen Aspekten. Was die Architektur betrifft, bevorzugt er den Stil der Tang-Dynastie“, erklärt Lai.

Die Tang-Dynastie (618–907 n. Chr.) war eine Ära herausragender wirtschaftlicher, künstlerischer und kultureller Entwicklungen, und auch die Architektur erlebte ihre Blütezeit. Mit ihren starken Säulen, filigranen Dachträgern, markanten Dachbalken und gleichmäßig geschwungenen Dächern versprühen die Gebäude dieser Epoche einen Hauch von majestätischer Erhabenheit. Das Konzept zur Errichtung hölzerner Bauwerke war zu dieser Zeit umfassend und hoch entwickelt.

„Die Architektur der Tang-Dynastie zeichnet sich durch ihre großen, imposanten Dächer aus“, sagt Lai. „Ihre breiten, ausladenden Dachvorsprünge erstrecken sich gleichmäßig in alle vier Himmelsrichtungen. Sie sind nicht wie die Dächer der Ming- und Qing-Dynastien nach oben gewölbt.“

„Die geraden, weit ausladenden Dächer der Tang-Dynastie waren edel und grandios, ganz wie die Menschen jener Zeit, die alle Aspekte des Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus in sich vereinten.“

Um die riesigen Dächer zu tragen, macht sich die Architektur der Tang-Dynastie ein System aus gestapelten, ineinandergreifenden Holzstücken zunutze, das wie ein riesiges 3-D-Puzzle aussieht. Dieses komplexe Dougong-System im Tang-Stil schien in Vergessenheit geraten, bis Meister Li seine Schüler dazu anleitete, dessen Geheimnisse neu zu entdecken.

Diese beeindruckende Pagode im Stil der Tang-Dynastie steht inmitten der grünen Wälder und Felder von Dragon Springs im Nordwesten von New York und erfüllt die Umgebung mit transzendenter Ruhe und Frieden.Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dragon Springs

Vor Kurzem stellte Lai eine fünfstöckige Pagode in Dragon Springs mit einer Höhe von rund 45 Metern fertig. Das gesamte Bauwerk wurde mit Sunmao- und Dougong-Techniken errichtet, ohne auch nur einen einzigen Nagel oder eine Schraube zu verwenden.

„Für eine Holzkonstruktion ist diese Pagode wirklich sehr hoch – zumal die imposanten Dächer auf allen fünf Stockwerken gleich groß sind. Wir haben die Tragfähigkeit des Holzes wirklich bis zum Maximum ausgereizt. Während des Baus durften die Abweichungen zwischen den einzelnen Ebenen nicht mehr als 5 Millimeter betragen. Andernfalls wäre die Konstruktion instabil geworden.“

Der Effekt ist überwältigend: Wenn in Dragon Springs die goldenen Dächer in der Sonne glänzen, scheinen die Gebäude vom Licht des Himmels selbst getragen zu werden. Diese Architektur zeugt nicht nur von der Kunstfertigkeit ihrer Erbauer, sondern auch von ihrer spirituellen Reinheit und göttlichen Verbindung.

Die traditionelle chinesische Architektur stellt hohe Anforderungen an ihre Erbauer. Auf diesem Bild sind die exquisiten Bogenkonstruktionen und Balkenstrukturen unter den Dachvorsprüngen zu sehen.Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Dragon Springs

Wiederbelebung der göttlichen Kultur

Für Lai bedeutet der Bau von Dragon Springs jedoch weit mehr als nur die Wiederbelebung traditioneller Architektur. Er sieht darin auch einen Prozess der Wiederbelebung des verlorenen geistigen Erbes der traditionellen Kultur. Seit jeher glauben die Chinesen, dass ihre Kultur ein Geschenk des Himmels ist. Herausragende Fähigkeiten entstehen nicht allein durch technische Fertigkeiten, sie erfordern auch, dass man sich selbst kultiviert.

Der Dichter Lu You aus der südlichen Song-Dynastie schrieb einst: „Essays werden vom Himmel verfasst; ein talentierter Mensch empfängt sie lediglich durch Zufall.“ Die alten Chinesen bezeichneten besonders brillante Elemente in Malerei oder Literatur oft als „Geniestreich der Götter“. In der Handwerkskunst werden hervorragende Arbeiten oft als „göttlich“ und „überirdisch“ bezeichnet.

Um seine architektonische Begabung zu fördern, konzentriert sich Lai mehr auf die Kultivierung seines Charakters als auf seine Fähigkeiten, was aus seiner Sicht viel schwieriger ist, als eine Technik zu erlernen. Seine Frau bezeichnet ihn gelegentlich scherzhaft als „Holzklotz“, da er so ruhig und zurückhaltend ist. Allerdings kann kein Mensch allein einen Tempel errichten. Sein Team in Dragon Springs besteht aus Menschen aus aller Welt, mit völlig unterschiedlichen kulturellen Hintergründen – Konflikte bleiben da nicht aus.

Wenn Spannungen auftreten, helfe ihm die Lehre von Meister Li, nach innen zu schauen und sich zu beruhigen, erklärt Lai. Sobald er seine eigenen Schwächen klar erkennt, bemüht er sich, sie zu verbessern, bevor er sich den äußeren Problemen zuwendet.

„Während der Entstehung von Dragon Springs waren die Bedingungen oft hart. Die Anforderungen sind hoch, und manchmal war ich unsicher, ob alles gelingen würde. Aber wenn ich mich an die Prinzipien Wahrhaftigkeit, Güte und Nachsicht halte, finde ich erstaunlicherweise immer eine Lösung“, so Lai.

„Wenn ich heute zurückblicke, erscheint mir der gesamte Prozess der Errichtung dieses Ortes wie ein Wunder. Wenn mein Chef und meine Kollegen von vor 20 Jahren sehen könnten, was ich heute erreicht habe, wären sie beeindruckt.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf magnifissance.com unter dem Titel „Traditional Chinese Architecture Reborn in New York“.

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