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Alte Kultivierungsgeschichte: Premierminister oder eine Gottheit sein? (Teil II)

Damals übte Li Linfu`s Onkel väterlicherseits, der in der Hauptstadt Kräutermedizin studiert hatte, den Beruf als Arzt aus. Li Linfu ging zu ihm in der Absicht, ihm einen formellen Besuch abzustatten. Da Li Linfu stets unbeherrscht und unmoralisch gewesen war, gab sich sein Onkel möglichst wenig mit ihm ab. Umso erstaunter war der Onkel, als sie sich trafen und er fragte ihn, wozu er denn in die Hauptstadt gekommen sei. Li entgegnete: „Dein Neffe weiß, dass er falsch lag und ist dieses Mal gekommen, um ein neues Blatt in seinem Leben aufzuschlagen, mit der Absicht, ernsthaft zu lernen. Wenn ich das nicht durchhalte, kann der Onkel mich auspeitschen.“

Sein Onkel wunderte sich einigermaßen, fing aber nicht sofort damit an, ihn zu unterweisen. Er ließ Li hingegen Geschirr und Bestecke vorbereiten, die für ein Bankett benötigt wurden. Li Linfu verhielt sich sehr gewissenhaft bei seiner Arbeit. Er reinigte alle Sachen bis sie glänzten und ordnete sie peinlich genau auf den Tischen an. Manchmal ließ ihn sein Onkel auch andere Arbeiten verrichten. Selbst wenn der Schnee auch knöcheltief lag, erfüllte Li eifrig seine Pflichten. Sein Onkel änderte seine Ansichten und hatte so einen viel besseren Eindruck von seinem Neffen. Darüber sprach er mit seinen Kollegen am kaiserlichen Hof. Li Linfu wurde schnell weit und breit bekannt.

Nachdem sein Onkel sich so eine Zeit lang um ihn gekümmert hatte, wurde Li Linfu später ein beliebter Regierungsbeamter. Nach weniger als zehn Jahren wurde er zum Premierminister ernannt. Er kannte sich mit allen politischen Tricks aus und verhielt sich gewitzt. Er verstand es auch gut, auf die Launen des Kaisers einzugehen. Der Kaiser hielt große Stücke auf Li. So bekam Li große Macht innerhalb der Regierung und über das Volk. Alle Beamten innerhalb und außerhalb des kaiserlichen Hofes fürchteten sich jetzt vor ihm. Um seine Macht zu sichern, veranlasste er einige Jahre später, dass alle, die nicht mit ihm übereinstimmten, zum Tode verurteilt werden sollten. Solche ungerechten Todesurteile setzten sich ohne Ende fort. Li Linfu hatte sein Versprechen, das er dem Weisen gegeben hatte, vergessen.

Damals musste jeder, der zu ihm wollte, weit entfernt von seinem Haus bereits schon vom Pferd absteigen und zu Fuß weiter gehen. Aber eines Tages, so um die Mittagszeit, klopfte plötzlich jemand an seine Tür. Die Torwachen waren sehr überrascht und öffneten schnell. Da stand ein zerlumpter daoistischer Weiser, der sagte, dass er Li Linfu sprechen wollte. Die Wachen beschimpften den Weisen ungebührlich laut und fesselten ihn sogar, um ihn der örtlichen Polizeiwache zu überstellen. Der Weise lächelte nur. Am nächsten Tag, zur selben Zeit, klopfte er wieder an Li Linfus Haustür.

Die Wachen konnten nun nicht mehr anders, als Li Linfu darüber zu informieren. Der sagte: „Ich erinnere mich zwar an keinen daoistischen Weisen, lasst ihn aber hinein kommen!“ Als der Weise eingetreten war, erkannte Li Linfu ihn als den Weisen, dem er vor langer Zeit auf dem Grundstück beim Spielen mit den Studenten begegnet war. Sofort schämte und ängstigte er sich, denn er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Ihm fiel ein, was ihm der Weise vor über 20 Jahren über seine Zukunft vorher gesagt hatte. Er war gerade vor 20 Jahren Premierminister geworden und hatte das Versprechen, das er vor 20 Jahren gegeben hatte, nicht eingehalten.

Li Linfu erbleichte wie bei einer schweren Krankheit. Er verbeugte sich tief vor dem Weisen, der zu ihm kam, lächelte und sagte: „Geht es dem Premierminister nicht gut? Du hast nicht auf meine Warnungen gehört. Ich bat dich doch, Pluspunkte für dein zukünftiges Leben anzusammeln. Stattdessen hast du so viele Menschen töten lassen. Die im Himmel wissen genau, was du getan hast. Hattest du denn gar keine Angst vor der Strafe, die du bekommen wirst?“ Li Linfu blieb vor dem Priester im Kotau liegen.

Dann schickte Li Linfu alle Bediensteten aus dem Zimmer und erlaubte dem Weisen, im Salon zu übernachten. Der Weise nahm nur eine kleine Erfrischung an. Später am Abend fragte Li Linfu den Priester: „Erwähntest du nicht, dass ich am helllen Tag gen Himmel auffahren und eine Gottheit werden könnte. Was meinst du, ist das immer noch möglich?“ Der Weise antwortete: „Du hast dich in der menschlichen Gesellschaft widerwärtig benommen. Das geht genau dem Tao entgegen. Trotzdem sind nur noch einmal dreihundert Jahre hinzugefügt worden, bevor du wieder eine Gelegenheit erhalten kannst und eine Gottheit werden wirst. Dass du eine Gottheit wirst, ist nun für sechshundert Jahre aufgeschoben. Erst nach den sechshundert Jahren wirst du eine Gottheit werden.“

Li Linfu fragte: „Meine Lebenszeit geht ihrem Ende entgegen. Da ich so große Sünden begangen habe, sage mir, was wird mit mir in Zukunft geschehen? Der Weise fragte: „Willst du das wirklich wissen? Ich kann es dir zeigen.“ Li stand sofort auf und dankte dem Weisen. Der sagte: „Setz dich hier hin, komm zur Ruhe und meditiere still. Überwinde all die ablenkenden Gedanken. Sei wie ein verdorrter Baum. In so einen Geisteszustand musst du kommen.“ Nach einer ganzen Weile sagte Li Linfu: „Ich habe keine ablenkenden Gedanken mehr im Kopf.“ Der Weise stand von seinem Bett auf und rief aus: „Lasst uns gehen!“ Li Linfu folgte dem Weisen ohne Bewusstsein, wie in Trance. Die Tür seines Hauses und das Chunming-Tor der Stadt Chang’an öffneten sich wie von Geisterhand. Li Linfu hielt sich an der Kleidung des Weisen fest und folgte ihm so. Er hatte ein zu bequemes Leben geführt und nach kurzer Zeit konnte er nicht mehr weiter gehen. Sie waren nur 10 li, das sind 500 Meter, weit gegangen. Der Weise wusste es und fragte ihn, ob er sich einen Augenblick ausruhen wolle. Sie setzten sich zusammen an den Straßenrand, um auszuruhen.

Nach einer Weile gab der Weise Li Linfu einen Bambusstab und sagte: „Reite weiter auf dem Stab, er hält an wenn wir am Bestimmungsort angekommen sind. Du darfst aber auf der Reise deine Augen nicht öffnen!“ Kaum hatte Li Linfu sich auf den Stab gesetzt, fühlte er sich in die Luft gehoben und flog über das offene Meer hinaus. Seine Ohren hörten Wind und Wellenschlag vorüberrauschen. Nach einiger Zeit, so lang wie ein Mittagessen der damaligen Zeit dauerte, kamen sie am Bestimmungsort an. Li Linfu öffnete die Augen und sah eine große Stadt vor sich. Am Stadttor standen mehrere hundert Soldaten.

Als sie den Weisen ankommen sahen, kamen sie zu ihm und grüßten ihn achtungsvoll. Sie verneigten sich auch vor Li Linfu. Dann gingen sie durch die Stadt, bis vor den Eingang des Regierungsgebäudes. Nachdem sie eingetreten waren, standen dort in zwei Reihen die kaiserlichen Leibwächter. Sie stiegen eine Treppe hinauf und erreichten die Haupthalle. Dort gab es wunderschön geschmückte Schlafstätten. Li Linfu, der sehr müde war, dachte, er könne hier eine Ruhepause einlegen. Der Weise zog ihn jedoch sogleich von den Ruhebetten fort und sagte: „Du darfst nicht schlafen. Wenn du einschläfst, kannst du nicht in die Menschenwelt zurückkehren. Dies hier ist der Ort, an den Du kommen wirst, wenn Du gestorben bist.“ Li Linfu antwortete: „Wenn das hier wirklich der Ort ist, an den ich komme, wenn ich tot bin, dann will ich gerne sterben.“ Der Weise lächelte und erwiderte: „Dieser Ort ist nicht so schön, wie du meinst. Hier gibt es Krankheiten und eine Menge Leiden.“

Sie gingen zusammen zum Haupteingang zurück und stiegen wieder auf ihre Bambusstangen. So kehrte Li Linfu erstmal in die Menschenwelt zurück. Er betrat das Haus und ging in den Raum in der Mitte, wo er seinen menschlichen Leib mit geschlossenen Augen auf einem Bett sitzen sah. Im gleichen Augenblick rief der Weise laut: „Premierminister! Premierminister!“ Da wachte Li Linfu auf. Er weinte, machte Verbeugungen vor dem Weisen und bedankte sich.

Nachdem Li Linfu ihm am nächsten Tag großzügige Geschenke dargeboten hatte, sagte ihm der Weise Lebewohl. Der Weise nahm aber keines der Geschenke an, winkte und sagte: „Behalte die Gaben für dich selbst. Ich werde dich in 600 Jahren wieder sehen.“ Dann ging er zur Tür hinaus und verschwand. Keiner wusste wohin.

Li Linfu war eigentlich ein Mensch mit guten Moralvorstellungen. Deswegen hatte er auch das vorherbestimmte Schicksal, eine Gottheit zu werden. Er war aber von der Macht und dem Geld in der Menschenwelt verführt worden. Er hatte ganz vergessen, dass der daoistische Weise ihm die Gelegenheit gegeben hatte, Lebewesen zu retten. Er hatte ihm auch geraten, gute Dinge zu tun, um sich ein Guthaben für sein zukünftiges Leben zu schaffen. Er nahm die Gelegenheit nicht wahr und wurde dafür mit zusätzlichen dreihundert Jahren Wartezeit bestraft, bis er eine Gottheit werden könnte. Wenn er im Verlauf der Reinkarnation nicht aufwacht und seinen Weg abermals ändert, dann würde er jede Gelegenheit, eine Gottheit zu sein, verlieren. Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen der heutigen Welt die Strafe beherzigen, die Li Linfu auferlegt wurde.

Wenn dich Menschen auffordern, die Partei im Interesse deiner eigenen Sicherheit zu verlassen, so zögere nicht, das zu tun! Wenn du erst einmal die Gelegenheit versäumt hast, dann wird keine Reue etwas ändern, denn es wird schon zu spät sein.

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