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Financial Times Deutschland: Kopf des Tages – Liu Qi – Genosse Olympia

Der Organisator der Spiele hat den Himmel über Peking verändert. Der Nebel ist jetzt weiß statt braun – dank Fahrverbot und abgeschalteter Fabriken. Ein US-Gericht gibt dem Saubermann die Schuld an Folter und Völkermord.

Der Auftakt ist kräftig misslungen. Pekings Olympiachef ist noch mitten in seiner salbungsvollen Rede, da stürmen Aktivisten die Bühne im antiken Olympia und stören das Entfachen des olympischen Feuers. Unbeirrt versucht der Mann im dunklen Anzug, seine Rede fortzusetzen, während Sicherheitskräfte die Menschenrechtsaktivisten abführen. Die Bilder gehen um die Welt. Der unscheinbare Redner bleibt aber unbekannt.

Dieser Freitag, wenn die Spiele in Peking beginnen, ist der große Tag im Leben des Liu Qi. Der Parteichef der Hauptstadt und Chef des Olympischen Organisationskomitees war es, der vor gut sieben Jahren als damaliger Bürgermeister Pekings die Olympischen Spiele erfolgreich nach China geholt hat. Die weltbesten Athleten und rund 100 Staatsoberhäupter sind in der Stadt gelandet. Der Nebel über Peking ist weiß statt braun, da Liu Fabriken abschalten und Autos von den Straßen verbannen ließ. Das amerikanische Magazin "Time" hat den Olympia-Organisator 2007 in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen.

Öffentlichkeits- und medienscheu

Dennoch ist nur wenig über den unscheinbaren Funktionär bekannt: Liu ist so öffentlichkeits- und medienscheu wie die meisten Spitzenpolitiker Chinas. In seiner offiziellen Biografie steht nicht einmal, ob er verheiratet ist – geschweige denn, was für Hobbys er hat. Geboren 1942 in der Küstenprovinz Jiangsu, studiert Liu in Peking Metallurgie. Ab 1968 arbeitet er sich bis zum Chefmanager der staatlichen Wuhan Iron and Steel Company hoch, bevor er 1993 Metallurgie-Minister wird. 1998 rückt er zum Vizebürgermeister Pekings auf, wird 1999 Bürgermeister und 2003 schließlich Parteichef der Hauptstadt – ein Posten, der automatisch einen Sitz im mächtigen Politbüro mit sich bringt. Liu ist ein klassischer Ingenieur-Technokrat der Ära von Ex-Präsident Jiang Zemin. Daher wird sein jetziger Posten auch sein letzter sein, glauben Insider. Liu sei ein Apparatschik der alten Garde.

Liu Qi, der Organisator der Olympischen Spiele in Peking 2008

Trotz Lius Unauffälligkeit klagen ihn 2002 internationale Anhänger der in China verbotenen Falun-Gong-Bewegung in den USA an. Der Vorwurf lautet Verfolgung von Sektenmitgliedern – das Gesetz stammt aus dem Jahr 1789. 2004 erklärt die US-Richterin Claudia Wilkin Liu verantwortlich für Folter und Völkermord an Falun-Gong-Aktivisten unter seiner Ägide in Peking. Ein Ärgernis aus Sicht des Politbüros, aber kein Grund, Lius Karriere zu beenden.

In bester Mao-Wortwahl spricht Liu von der "Massenmobilisierung": Er meint damit die Sicherheitsvorkehrungen, die das Leben der Einwohner verkomplizieren, die Ausweisung von Wanderarbeitern, die neuen Regeln für Privatpersonen und Gewerbetreibende. Peking werde eine "echte Weltklasse-Metropole" sein, hat Liu versprochen. Damit hat er recht behalten. Jetzt muss er zeigen, dass die Metropole auch unter dem Ansturm der Welt und massiven Sicherheitsvorkehrungen in der Lage ist, wie eine Weltstadt eine entspannte Olympia-Party zu feiern.

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