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Epoch Times Deutschland: Chinas grausige Organernte

15.12.2008

Plakativ? Oder doch die Realität in China. Organraub von Falun Gong-Praktizierenden, nachgestellte Szene auf einem Infotag. (Josef Jelkic/The Epoch Times)

Der Jeepfahrer mustert uns als wir einsteigen. Mein Assistent ist ein gesunder, junger Israeli, also musste ich der mit dem Geld sein.

Er spricht mich mit seinem gebrochenen Englisch an: „Mädchen?“ Nein. Keine Mädchen. Bringen Sie uns zum…

„Ladyboy? Kickboxer?“ Nein. Keine Homosexuellen, keine Kickboxer, danke. Ich mag vielleicht ein etwas bäuchiger, schwitzender Kaukasier mittleren Alters sein, aber ich bin hier um – nun, eigentlich bin ich unterwegs zu einer chinesischen Frau in einer Seitengasse. Sie wird mir intime Geschichten erzählen – über Demütigung, Folter und Missbrauch. Und das wirklich Beschämende daran ist, dass ich nach etwa 50 solchen Interviews mit Flüchtlingen aus chinesischen Arbeitslagern nicht einmal mehr richtig zuhören kann

Ich bin in Bangkok, weil Praktizierende von Falun Gong – einer Bewegung, die buddhistische Werte wieder hat aufleben lassen und von Peking geächtet wird – sich gerne südlich halten, wenn sie aus China flüchten. Die, die keinen Pass haben, schlagen sich mit Motorrädern auf Nebenstraßen durch Burma. Manche wurden von UN-Beauftragten befragt, wenige wurden von der Presse interviewt, obwohl die aus chinesischen Arbeitslagern Kommenden begierig darauf sind, es sich sogar inständig wünschen, ihre Geschichten zu erzählen.

Bei der chinesischen Frau in der Seitengasse gehen meine Fragen weg von dem, über das sie gerne reden möchte – Verfolgung und Glaube – zu etwas, an das sie sich kaum erinnern wird, einem anscheindend unwichtigen Teil ihrer Erfahrungen: ein Nadelstich, das Abtasten ihres Bauches, eine Röntgenaufnahme, eine Urinprobe – medizinische Untersuchungen, die auf die Erfassung Gefangener für Organentnahmen schließen lassen.

Meine Recherche begann vor über einem Jahr, als ich in einem Gemeindezentrum in Montreal einen chinesischen Mann mittleren Alters sprechen hörte. Er hieß Wang Xiaohua. Bis auf die purpurne Verfärbung, die sich ausgehend von seiner Stirn über das ganze Gesicht zog, eine eher unscheinbare Person mit sanfter Stimme.

Er beschrieb eine Szene: Ungefähr 20 männliche Falun Gong-Praktizierende standen vor einem abgeräumten winterlichen Feld, flankiert von zwei bewaffneten Eskorten. Anstatt sie Steine aufsammeln oder Unkrautvernichtungsmittel versprühen zu lassen, hatte sie die Polizei für eine Art Exkursion antreten lassen. Es war fast wie Urlaub. Wang hatte die Meisten der Gesichter der Gefangenen vorher noch nicht gesehen. Hier im Yunnan-Arbeitslager Nr. 2 wurde streng darauf geachtet, dass die Falun Gong-Praktizierenden in jeder Zelle in der Minderheit waren, und von den Schwärstverbrechern besser in die Mangel genommen werden konnten.

Die Praktizierenden von Falun Gong durften sich nicht offen unterhalten. Auch dann nicht, als die Aufseher ihnen ein Zeichen gaben, loszugehen. Wang fühlte sich wie in einem stillen Flüchlingszug. Er lies seinen Blick wandern von der roten Erde, bedeckt mit Stroh und menschlichen Exkrementen, bis zu den kargen Bergen am Horizont. Was auch vor ihnen liegen würde, Wang wusste, sie hatten keine Angst.

20 Minuten später erkannte er ein großes strahlendes Gebilde in der Ferne – es könnte ein Krankenhaus sein, überlegte Wang. Der Sommer 2001 in Südchina war ein brutaler gewesen. Nach monatelangem Arbeiten in der brennenden Sonne, hatte sich auf Wangs rasiertem Kopf eine starke Infektion gebildet. Vielleicht wurde es ein wenig besser, oder er gewöhnte sich einfach daran. Jedenfalls nahm er später nur noch beim Aufwachen den warmen ranzigen Gestank auf seinem faulenden Schädel wahr.

Wang durchbrach die Stille und fragte einen der Polizeiaufseher, ob das da vorne das Krankenhaus des Lagers wäre. Der Aufseher antwortete einsilbig: „Du weißt, wir kümmern uns so sehr um Euch. Deshalb bringen wir Euch zu einer ärztlichen Untersuchung. Schaut, wie gut Euch die Partei behandelt. So etwas passiert normalerweise nie in einem Arbeitslager.“

In der Einrichung wurden den Praktizierenden, nebeneinerander aufgereiht, ausgiebige Blutproben entnommen. Dann eine Urinprobe, Elektrokardiogramm, Röntgenaufnahme des Bauchraumes, eine Augenprobe. Als Wang auf seinen Kopf zeigte, murmelte der Arzt etwas von das wäre normal und wandte sich an den nächsten Patienten. Als sie zum Lager zurückmarschierten, fühlten sich die Gefangenen erleichtert, sogar fast ein wenig großspurig bezüglich der ganzen Situation. Trotz all der Folter, die sie ertragen mussten und der schrecklichen Bedingungen, sogar die Regierung musste jetzt eingestehen, dass die Praktzierenden von Falun Gong gesund waren.

Sie erfuhren nie von den Ergebnissen jener medizinischen Tests, sagte Wang und ein kurzes Lächeln stand plötzlich in seinem Gesicht. Er kann nichts dafür. Er überlebte.

Ich sprach mit Wang im Jahre 2007, eines von über 100 Interviews für ein Buch über den Konflikt zwischen Falun Gong und dem chinesischen Staat. Wangs Geschichte ist nicht neu. Zwei bekannte kanadische Menschenrechtsanwälte, David Kilgour und David Matas, brachten seinen und viele weitere Fälle in ihrem „Untersuchungsbericht zu den Anschuldigungen der Organentnahmen an Falun Gong-Praktizierenden in China“, publiziert und online veröffentlicht im Jahre 2006.

Als ich Wang interviewete zog ich meinen Hut vor der umfassenden Recherche, die andere bereits geleistet hatten. Ich hatte weder erwartet, dass sich Wangs Muster mit dem Fortführen meiner Interviews wiederholen würde, noch war ich davon ausgegangen herauszufinden, dass sich die Organentnahmen ausgeweitet hatten unter bei Falun Gong. Ich lag falsch.

Falun Gong wurde populär in China in den späten 1990ern. Aus verschiedenen Gründen – vielleicht weil die Mitgliedschaft in dieser Bewegung die der Chinesischen Kommunistischen Partei zahlenmäßig übertraf (und mit ihr verwoben war), oder weil die Hinterlassenschaft des Tiananmen ungelöst war, oder weil plötzlich 70 Millionen Menschen nach einem Weg in den Himmel zu suchen schienen (und nicht nach Geld) – entschloss sich die Partei, sie zu eliminieren. 1989 annullierte die Partei die Geschäftslizenzen von Leuten, die Falun Gong praktizierten. 1999 folgten Massenverhaftungen, Pfändung von Vermögenswerten, und Folter. Dann, beginnend im Jahre 2000, als die Bewegung antwortete, indem sie aktiver an die Öffentlichkeit trat, auf dem Tiananmen protestierte und Fernsehsignale im Festland knackte, begann die Todesrate anzusteigen, erreichte schätzungsweise 3.000 bestätigte Todesfälle durch Folter, Exekution und unterlassene Hilfeleistung bis 2005.

Zu der Zeit wurde von 100.000 Falun Gong-Praktizierenden ausgegangen, die sich irgendwo innerhalb des chinesischen Strafverfolgungs-Systems befanden. Wie die meisten Zahlen, die aus China stammen, waren das grobe Schätzungen, die durch das Geschnatter von Behauptungen und Gegenbehauptungen weiter unzuverlässig blieben. Aber ein Punkt steht außer Diskussion: Die Unterdrückung von Falun Gong entzog sich der Kontrolle. Festnahmen, Aburteilung, und was auch immer sich in Untersuchungshaft, den psychiatrischen Anstalten und Arbeitslagern abspielte, folgte keiner festgelegten Rechtssprechung oder Haltevorschrift. Als Akt des passiven Widerstands, oder einfach, um ihren Familien Ärger zu ersparen, fingen viele Falun Gong an, der Polizei ihre Namen vor zu enthalten, nannten sich einfach „Praktizierender“ oder „Dafa-Schüler“. Befragt nach ihrer Heimatprovinz, sagten sie „das Universum“. Über diese Namenlosen, deren Familien meine Möglichkeit hatten, sie ausfindig zu machen oder für sie zu sprechen, dürften sich keine Aufzeichnungen finden.

Anfang 2006 tauchten die ersten Erhebungen über großflächige Organernte – die chirurgische Entnahme von Organen am noch lebenden Gefangenen, und im Bewusstsein, dass die Prozedur ihn umbringen wird – an Falun Gong aus dem Nordosten Chinas auf. Die Erhebungen lösten einen leisen Sturm in der Menschenrechts-Community aus. Doch die Erhebung selber war nicht an den Haaren herbeigezogen.

Harry Wu, ein chinesischer Dissident, Gründer der Laogai Foundation, hatte bereits unzählige Beweise gesammelt, dass der Staat nach der Hinrichtung der Kriminellen mit der Todesstrafe, deren Nieren, Lebern, Augenhornhäute und andere Körperteile an Chinesen und Ausländer, jeden, der bezahlen konnte, verkaufte. Die Praxis begann Mitte der 80er. Mitte der 90er, mit der Nutzung eines in China entwickelten Medikaments gegen die Abstossung von Organen, hatte das Geschäft Fortschritte gemacht. Von der Armee betriebene mobile Organentnahme-Busse wurden routinemäßig neben den Tötungsorten geparkt, um sicherzustellen, dass die Militärkrankenhäuser den ersten Zuschlag bekamen. Das war kein Geheimnis. Ich sprach mit einem ehemaligen chinesischen Polizeibeamten, ein einfacher Mann vom Lande, der erzählte, um einem Freund eines Verurteilten einen Gefallen zu tun, habe er die Hintertür eines solchen Busses geöffnet und den Reißverschluss des Leichensacks aufgezogen. Der Brustkorb des Toten war vollständig ausgeräumt worden.

Taiwanesische Ärzte, die für ihre Patienten die Übergabe der Transplantate im Festland arrangierten, beklagten, es hätte keine Übersicht über das System gegeben, keine zentrale chinesische Organdatenbank oder Krankenakte der Spender, kein Verwaltungsstempel zur Reduzierung von Profitmacherei. So stellte sich als wirkliche Frage, bei 62.000 Dollar für eine frische Niere, weshalb machten die chinesischen Krankenhäuser jeden Körper kalt, den sie in die Finger bekommen konnten?

Doch was anfänglich am meisten Zunder von Skeptikern einbrachte war die Behauptung, die Organe würden den noch Lebenden entnommen werden. Für die ganzen Mitspieler von Falun Gong indes, klang die Behauptung gar nicht mal so seltsam. Jeder Medizinfachmann weiß, dass ein Empfänger nur schwer ein lebendes Organ bekommen kann, und jeder Transplantat-Händler wird bestätigten, dass Käufer mehr dafür bezahlen. Noch bis vor Kurzem warben hochrangige chinesische Transplantations-Zentren auf ihren Webseiten offen mit der Nutzung von Lebendspendern.

Es hilft, dass in China der Gehirntod nicht gesetzlich festgeschrieben ist; nur wenn das Herz zu schlagen aufhört, wird der Patient aktuell als tot erklärt. Das bedeutet, die Ärzte können den Gefangenen chirurgisch quasi in den Kopf schießen, dann die Organe entfernen bevor das Herz zu schlagen aufhört. Oder sie können eine Narkose verabreichen, die Organe entfernen und dann, wenn die Operation fast beendet ist, eine Herzstillstand auslösende Droge verabreichen – die neueste Methode. Egal wie, der Gefangene ist exekutiert und die Organentnahme ist einfach nur der Spaß nebenbei. In Wirklichkeit, laut den Ärzten, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe und die mit den derzeitigen Praktiken auf dem Festland vertraut sind, ist die Lebendorganentnahme von zum Tode verurteilten Gefangenen beim Hinrichtungsprozess Routine.

Das wirkliche Problem war, dass die Anschuldigungen von Falun Gong kamen – dem schon immer ungeplanten Kind der Dissidenten-Community. Anders als die Tiananmen-Studentenführer und andere chinesische Gewissensgefangene, die im Westen ins Exil gingen, marschierte Falun Gong zu einer vernehmbar chinesischen Trommel. Mit seinen Wurzeln in der spirituellen Tradition des chinesischen Kernlandes hätte Falun Gong nie eine Version der Freiheitsstatue gebaut und damit für CNN eine Parade abgehalten. Stattdessen schien es westlichen Beobachtern, als würde die Öffentlichkeitsarbeit von Falun Gong einige der Grobheiten der kommunistischen Parteikultur tragen: eine Wahrnehmung, Praktizierende würden zur Übertreibung neigen, Folterbilder geradewegs aus einer Oper der Kulturrevolution erschaffen, eher Slogans anstelle von Fakten ausspeien.

Aus verschiedenen Gründen, manche stichhaltig, manche beschämend, ist die Glaubwürdigkeit von verfolgten Flüchtlingen im Westen oft angezweifelt worden. Im Jahr 1939 beschrieb ein Beamter des britischen Außenministeriums, höflich für die Mehrheit sprechend, die Juden als vielleicht nicht vollkommen vertrauenswürdige Zeugen. Während des „Großen Sprungs nach vorn“ strömten ausgemergelte Flüchtlinge aus dem Festland nach Hongkong und jammerten über ausgestorbene Dörfer und Kannibalismus. Nüchterne westliche Journalisten ignorierten diese Berichte als subjektiv und befangen.

Das Jammern von Anhängern einer spirituellen Erweckungsbewegung zählt offensichtlich noch weniger als die Bezeugung eines Bauern oder eines Juden. Als Falun Gong die Ehefrau eines Arztes an die Öffentlichkeit brachte, die angab, ihr Mann, ein Chirurg, hätte Tausende Augenhornhäute von Praktizierenden in einem nordöstlich gelegenen chinesischen Krankenhaus namens Sujiatun entfernt, wurde der Anklage mit vorsichtiger Skepsis aus der Dissidentengemeinde und mit fast vollständiger Stille von Seiten der westlichen Presse (mit Ausnahme dieses Magazins und National Review) begegnet.

Als Falun Gong-Komitees eine vollständige Untersuchung anlaufen ließen, stellten die kanadischen Anwälte Kilgour und Matas die sich anhäufenden Indizien in ihrem Bericht zusammen. Er enthält Mitschnitte von Telefonanrufen, in denen chinesische Ärzte bestätigten, ihre Organspender seien junge, gesunde Menschen, die Falun Gong praktizierten; schriftliche Zeugenaussagen aus dem Festland über Erfahrungen von Praktizierenden in Haft; eine Explosion bei Organtransplantations-Aktivitäten mit internationalen Kunden, bei Wartezeiten von gerade mal einer Woche auf eine Gewebeeignung, (in den meisten Ländern warten Patienten mehr als ein Jahr), einhergehend mit steigenden Zahlen von Inhaftierungen bei Falun Gong. Schließlich verglichen Kilgour und Matas die Anzahl der Exekutionen in China (laut Amnesty International im Wesentlichen konstant) mit der Zahl der Transplantationen. Es verblieb eine Diskrepanz von 41.500 ungeklärten Fällen in einem Zeitraum von fünf Jahren.

Dieser Bericht wurde nie Punkt für Punkt widerlegt, trotzdem ist die Mehrheit der Menschenrechtsaktivisten auf Distanz verblieben. Da Anklagen von Falun Gong verdächtig waren, waren auch die Aussagen ihrer Unterstützer verdächtig. Ärzte für Organtransplantationen, die angeben, dass sie Falun Gong-Organspender im Keller haben? Sie sagten einfach, was potentielle Organspender hören wollten. Schriftliche Zeugenaussagen von Praktizierenden? Sie wurden von Aktivisten vorbereitet. Der Anstieg von Organtransplantationen? Vielleicht nur bessere Berichterstattung. Die Diskrepanz zwischen Exekutionen und Transplantationen? Wie mich ein angesehener Menschenrechtsexperte fragte, warum nahmen Kilgour und Matas bei den Hinrichtungszahlen in China die Schätzungen von Amnesty International, die andeuten, die Hinrichtungen wären in den letzten 10 Jahren konstant geblieben? Sogar Amnesty gibt zu, ihre Zahlen könnten eventuell eine starke Untertreibung darstellen. Vielleicht ist da ja gar keine Diskrepanz.

Und Schließlich, warum waren keine wirklichen Zeugen, ein Arzt oder eine Krankenschwester, die tatsächlich an Falun Gong-Praktizierenden operiert hatten, aufgetreten? Menschenrechtsanwälte argumentierten, dass es ohne solche Beweise (obwohl die persönliche Glaubwürdigkeit, sogar mit unterstützenden Dokumenten, immer auch verrissen werden kann) keinen Grund gebe, die Geschichte ernst zu nehmen. Sicher bot sie auch keine ausreichende Grundlage für Präsident Bush, um den Organraub bei seiner Menschenrechtsrede am Abend der Olympischen Spiele zu erwähnen.

Kritiker wiesen auf rechtliche Diskussionspunkte hin. Aber das tat auch die chinesische Regierung: Frech nach dem Bekenntnis vom Jahre 2005, dass Organe von gewöhnlichen zum Tode verurteilten Gefangenen entnommen werden, und nach der Veröffentlichung ihres vorhersehbaren Dementis des Organraubs an Falun Gong, erließ Peking plötzlich im Juli 2006 ein Gesetz, welches den Verkauf von Organen ohne Einwilligung des Spenders verbietet.

Drei Dinge passierten. Der Organnachschub wurde spärlicher. Die Preise verdoppelten sich. Und die Transplantationen gingen weiter. Sofern nicht seit 2004, als eine chinesische Studie heraus fand, dass nur 1,5 Prozent der transplantierten Nieren von den eigenen Verwandten gespendet werden, ein dramatischer kultureller Wandel vor sich gegangen ist, müssen die verkauften Organe immer noch von irgend woher kommen. Nehmen wir einmal an, es sind die Gefangenen – das denken taiwanische Ärzte – und theoretisieren, dass das neue Gesetz ein Signal war: Holt euch Einverständniserklärungen und beendet vorerst den Organraub an Falun Gong.

Und die Kritiker lagen bei einem genau richtig: Genauigkeit ist eine Illusion. Kein mitgeschnittenes Gespräch mit einem Arzt vom Festland ist unbestreitbar. Alle Zeugen aus China haben immer verschiedene Motive. Und dann kann außerdem keine einzige Zahl aus China, nicht einmal die aus dem letzten Absatz, als definitiv angesehen werden.

Tatsächlich muss gesehen werden, dass sich die gesamte Untersuchung noch in einer sehr frühen, sogar primitiven, Phase befindet. Wir kennen das Ausmaß der Geschehnisse nicht wirklich. Man denke an 1820, als eine Handvoll Ärzte, Wissenschaftler und Amateur-Fossiljäger sich bemühte, aus einem einzelnen angedeuteten Indiz und einem Haufen zerlegter Knochen sinnvolle Schlüsse zu ziehen. Erst nach 22 Jahren prägte ein englischer Paläontologe den Begriff „Dinosaurier“, „schreckliche Echse“ und die moderne Erforschung dieser ausgestorbenen Kreaturen schritt ernsthaft voran. Diejenigen von uns, die den Organraub von unfreiwilligen Spendern in China erforschen, sind wie diese frühen Dinosaurierjäger. Wir arbeiten nicht in enger Beratung zusammen. Wir warten immer noch darauf, dass auch nur ein Arzt, der Organraub an lebenden Gewissensgefangenen begangen hat, aus dem Festland hervortritt. Bis das passiert, das ist wahr, haben wir nicht einmal Dinosaurierknochen. Aber wir haben Spuren. Hier sind ein paar von denen, die ich gefunden habe.

Qu Yangyao ist eine chinesische Expertin mit drei Magisterabschlüssen, die sehr deutlich spricht. Sie ist auch die erste Geflüchtete, die eine medizinische Untersuchung „ausschließlich an Organen“ beschrieb. Qu entkam im vergangenen Jahr nach Sydney. Als Gefangene in China weigerte sie sich im Juni 2000, sich „umerziehen“ zu lassen und eine Erklärung zum Aufgeben von Falun Gong zu unterzeichnen. Schließlich wurde sie in ein Arbeitslager gesteckt. Qus Gesundheitszustand war relativ gut, auch wenn sie durch einen Hungerstreik an Gewicht verloren hatte. Angesichts der Stellung und der Bildung von Qu gab es Gründe, sie gesund zu erhalten. Die chinesische Polizei wollte Todesfälle in Polizeigewahrsam vermeiden – weniger Papierkram, weniger Fragen. Zumindest nahm Qu das an.

Qu war 35 Jahre alt, als sie von der Polizei zusammen mit zwei anderen Praktizierenden in ein Krankenhaus eskortiert wurde. Qu erinnert sich genau an die Entnahmen einer große Menge Blutes, dann einer Röntgenaufnahme des Brustraums, und Proben. „Ich war mir nicht sicher, worum es ging. Sie tasten dich einfach an verschiedenen Stellen ab … Unterleib, Leber.“ Sie erinnert sich nicht mehr, ob sie damals eine Urinprobe abgegeben hat, doch die Ärzte leuchteten ihre Augen aus und untersuchten ihre Augenhornhaut.

Forderte der Arzt sie auf, der Bewegung des Lichts mit ihren Augen zu folgen oder überprüfte er ihren Sichtumfang? Nein. Er überprüfte nur ihre Hornhäute und ließ alle Test aus, die die motorische Funktionen betrafen. Und das war es: kein Hämmern auf das Knie, kein Betasten der Lymphknoten, keine Untersuchung der Ohren, des Mundes oder der Genitalien: der Arzt überprüfte nur ihre handelsfähigen Organe, sonst nichts.

Während mir an manchen Stellen unseres Interview eine leise Kälte den Rücken hinunterstrich, schien Qu, wie viele gebildete Gesprächspartner, anfangs die potentiellen Schlussfolgerungen aus dem Gesagten überhaupt nicht wahrzunehmen. Viele Gefangene bewahren sich eine Art von „dies kann hier nicht passieren“-Empfindlichkeit. „Ich bin zu wichtig, um weggeputzt zu werden“, das ist das Mantra des Überlebenden. In der Mehrheit der hier dargelegten Interviews hatten die Befragten keine klare Ahnung von der Richtung meiner Fragestellung oder von den „richtigen“ Antworten, obwohl ihnen der Sachverhalt des Organraubs bekannt war.

Falun Gong-Praktizierende dürfen nicht lügen. Das heißt nicht, dass sie das nie tun. Im Laufe meiner Interviews habe ich einige wenige Ungereimtheiten gehört. Nicht weil die Leute „vorpräpariert“ worden sind, sondern weil sie ein Trauma erlitten hatten. Absichtliche Verzerrungen sind sicherlich außerordentlich rar. Die beste Möglichkeit, falschen Zeugenaussagen vorzubeugen, ist es, ausgedehnte Interviews im Sitzen durchzuführen.

Insgesamt interviewete ich 15 Falun Gong-Praktizierende aus Arbeitslagern oder nach langer Haft, die etwas Unerklärliches im medizinischen Ablauf erlebt hatten. Mein wissenschaftlicher Mitarbeiter, Leeshai Lemish, interviewete Dai Ying in Norwegen, so dass wir auf insgesamt 16 kamen. Wem diese Zahl niedrig erscheint, der soll die Schwierigkeit des Entkommens und Überlebens bedenken. Außerdem konnte ungefähr die Hälfte der Gesprächspartner als ernsthafte Kandidaten für Organentnahmen aussortiert werden: zu alt, körperlich zu mitgenommen von der harten Arbeit oder zu ausgemergelt von Hungerstreiks. Einige waren bei ihren Erinnerungen an bestimmte Vorgänge zu schwankend, um eine große Hilfe zu sein. Einige wurden Drogentests unterzogen. Einige erhielten anscheinend ganz normale umfassende körperliche Untersuchungen, obwohl auch von diesen Personen manchmal wertvolle Hinweise kamen.

Zum Beispiel berichtete Lin Jie, eine Frau Anfang 60, die in Sydney lebt, dass im Mai 2001, als sie im Yong Chaun-Frauengefängnis von Chingqing eingesperrt war, über 100 weibliche Falun Gong-Praktizierende „am ganzen Körper sehr genau untersucht wurden. Und sie fragten uns nach unserer Krankengeschichte“. Soweit, so gut. Aber Yet Lin fragte sich damals, warum „ein Polizist pro Praktizierender“ nötig war, um die Frauen zur Untersuchung zu begleiten, so als ob sie gefährliche Kriminelle seien. Falun Gong-Praktizierende sind vieles – heftig, moralisch, zielstrebig, doch sie sind absolut gewaltlos. Eindeutig war jemand im chinesischen Sicherheitssystem nervös.

Oder nehmen wir Jing Tian, ein um die vierzig Jahre alter weiblicher Flüchtling, jetzt in Bangkok. Im März 2002 führte das Internierungslager Shenyang bei allen Praktizierenden eine umfassende körperliche Untersuchung durch. Jing beobachtete den Vorgang genau und sah nichts Ungewöhnliches. Doch dann begannen die Behörden im September mit teuren Blutuntersuchungen (im Westen würden sie pro Person 300 Dollar kosten). Jing beobachtete, wie sie genug Blut abnahmen, um acht Proberöhren pro Praktizierender zu füllen. Das war genug für ausführlichere Diagnosen oder Überprüfungen von Gewebeverträglichkeit. Jia Xiarong, eine weibliche Praktizierende mittleren Alters, die aus einer Familie von Beamten mit guten Beziehungen stammt, erklärte gegenüber Jing unumwunden: „Sie machen das, weil die alternden Beamten Organe benötigen.“

Aber Jing spürte in jenem Herbst noch etwas anderes in der Luft, etwas das substanzieller war: Gefangene, die mitten in der Nacht ankamen und vor Sonnenaufgang verschwunden waren. Es gab Transporte zu „Krankenhaus-Zivilschutzeinrichtungen“ mit Namen wie Sujiatun und Yida, und es handelte sich um Praktizierende ohne Namen, nur mit Nummern.

Es war keine gute Zeit für eine wütende junge Praktizierende, erzählt eine Geflüchtete in den 30ern, der vor Kurzem in Hongkong ankam. Sie hat Familie in China, daher möchte ich sie hier Jiansheng Chen nennen. Im Jahr 2002 fiel Chen ein anderes Muster auf. Als die Bluttests anfingen, sagte sie, „bevor sie die Verzichterklärung [Falun Gong aufzugeben] unterschrieben, wurden die Praktizierenden alle körperlich untersucht. Nachdem sie unterschrieben hatten, gab es keine Untersuchungen mehr.“

Chen war eine „nicht Erziehbare“ – mit Kanten. Sie weigerte sich nicht nur, Falun Gong abzuschwören, sie schrie auch jeden nieder, der es tat. Chen bekam dreimal am Tag Medikamente (höchstwahrscheinlich Beruhigungsmittel), Drogentests können also nicht ausgeschlossen werden. Als jedoch ihr Widerstand nicht nachließ, sagte die Polizei: „Wenn du dich nicht umerziehen lässt, dann schicken wir dich weg. Der Weg, den du gewählt hast, ist der Weg des Todes.“ Acht Tage lang mühte man sich ab, Chen zu überreden, Falun Gong abzuschwören oder ihre Unterwerfung mittels Folter zu erreichen. Plötzlich befahlen ihr die Wärter, einen Freitodbrief zu schreiben. Chen spottete: „Ich bin nicht tot, warum also sollte ich eine Todesurkunde unterschreiben?“

Der Direktor ließ eine Gruppe von Ärzten der Militärpolizei hereinkommen, es waren weibliche und männliche Ärzte, die weiße Uniformen trugen. Die Arbeitslagerpolizisten waren laut Chen zu diesem Zeitpunkt „sehr ängstlich“. Sie wiederholten immer wieder: „Wenn du dich immer noch nicht transformieren lässt, dann wartet der Pfad des Todes auf dich.“

Chens Augen wurden zugebunden. Dann hörte sie, wie die Stimme einer ihr bekannten Polizistin sie anflehte: „Chen, dir wird dein Leben genommen, ich scherze nicht. Wir waren die ganze Zeit hier zusammen, wir haben zumindest eine Art von Verbindung aufgebaut. Ich kann es nicht ertragen, zu sehen, wie ein lebender Mensch vor meinen Augen ausgelöscht wird.“

Chen blieb still. Sie traute der Polizistin nicht – warum sollte sie auch? In den vergangenen acht Tagen hatte man sie an die Decke gehängt. Sie war mit Elektrostöcken verbrannt worden. Sie hatte ihren eigenen Urin getrunken. Daher war der letzte, ach so nette Trick nicht überzeugend. Dann bemerkte Chen etwas auf ihre Hand tropfen – die Tränen der Polizistin. Chen versprach, über eine Umerziehung nachzudenken. „Das ist alles was ich brauche“, sagte die Polizistin. Nach einem längerem Argumentieren mit den Ärzten ging die Polizei weg.

Praktizierende sprechen gerne darüber, wie sie das Verhalten von Polizisten und Sicherheitspersonal mit der Kraft ihres eigenen Glaubens veränderten. Genau wie es die Pflicht eines Kriegsgefangenen ist, den Versuch der Flucht zu unternehmen, sieht es der Falun Gong-Praktizierende als seinen Moralkodex an, sich zu bemühen, Lebewesen zu retten. In diesem spirituellen Kalkül zerstört der Polizist, der foltert, sich selbst und nicht den Praktizierenden. Wenn ein Praktizierender das Verhalten eines Polizisten auf Grund seines moralischen Vorbilds oder auf übernatürlichem Wege ändern kann, ist da eine Art natürlicher Stolz, sogar wenn der Praktizierende weiter gefoltert wird.

Verbrennung durch Elektroschock (nachgestellt). Realität in Chinas Arbeitslagern (Josef Jelkic/The Epoch Times)

Doch es gibt unterschiedliche Praktizierende. Chen erzählte ihre Geschichte nicht mit Fassung. Sie schrie sie wie eine Läuterung aus sich heraus, in einer einzigen, ruppigen, verzehrenden Wut. Es ist auch wichtig, dass Chen nicht einfach nur eigensinnig, unmöglich und ein bisschen verrückt ist, sondern jung, attraktiv und charismatisch. Sie berichtete über diese Polizistin ohne Angeberei, nur entmutigt, mit durchdringender Scham, weil sie eine Umerziehungserklärung unterschrieben hatte. Die Polizistin war auf eine Mitkämpferin gestoßen, ihre Tränen waren plausibel.

Dai Ying ist eine 50 Jahre alte Geflüchtete, die jetzt in Schweden lebt. Anfang 2003 wurden 180 Falun Gong-Praktizierende im Arbeitslager Sanshui getestet. Auf die übliche Rede, dass „sich unsere Partei besonders um euch kümmert“, folgten Röntgenaufnahmen, Abnahmen großer Blutmengen, Kardiogramme, Urintests, und dann Proben: „Sie ließen uns auf den Bauch legen und untersuchten unsere Nieren. Sie tasteten sie ab und fragten, ob es weh tut.“

Und das war's – nur Organe, behaltet die Augenhornhäute – eine Tatsache, an die sich Dai Ying, damals fast blind von der Folter, lebhaft erinnert. Augenhornhäute sind ziemlich unbedeutende Dinge, eine ist vielleicht 30.000 Dollar wert. Im Jahr 2003 hatten die chinesischen Ärzte Lebertransplantationen gemeistert, das war einem ausländischen Kunden 115.000 Dollar wert.

Um der Nachfrage nachzukommen, war eine neue Lieferquelle nötig. Fang Siyi ist ein 40 Jahre alter weiblicher Flüchtling in Bangkok. Sie war von 2002 bis 2005 eingesperrt und wurde wiederholt untersucht. Dann wurde sie im Jahr 2003 für spezielle Untersuchungen im Internierungslager Jilin in Nordost-China ausgesucht.

Fang hatte die Ärzte nie zuvor gesehen: „Nach ihrer Ankunft hier zogen sie Arbeitslageruniformen an. Doch was mich stutzig machte war, dass sie Militärärzte zu sein schienen.“ Zwölf Gefangene waren ausgewählt worden. Fang schätzte, dass acht davon Falun Gong waren. Woher wusste sie das? „Waren sie von Falun Gong, wurden sie von ihnen kleine Faluns genannt”. Wer waren die anderen vier? „[Der Wärter] sagte, hier kommt nochmal einer von diesen östlichen Blitzen.“

Östliche Blitze sind Christen – für uns außerhalb der chinesischen Christen stehende, unheilbare, nicht umerziehbare Abweichler von der Partei. Auch Jing erinnert sich, dass die östlichen Blitze im Jahr 2002 Bluttests unerzogen wurden, aber Fang erinnert sich viel genauer an die Jilin-Untersuchung: „Die zusätzlichen Untersuchungen waren nur Blutproben, Elektrokardiogramme und Röntgenaufnahmen, sonst nichts. Es waren Falun Gong-Praktizierende und Christen.“

Sickert langsam Mitleids-Übermüdung durch? Ich werde mich kurz fassen.

„Masanjia streng vertraulich“ hat Familie in China, daher gebietet die Vorsicht, sie nur als ungefähr Vierzigjährige zu beschreiben und dass sie jetzt in Bangkok ist. Ihre Erfahrung bringt uns zu dem, was ich „Spät-Ernte-Ära“ des Jahres 2005 nenne, als anscheinend viele Praktizierende ganz plötzlich zu einer Knall-auf-Fall-Untersuchung gebracht und danach sofort verschwanden sind. Als ich sie fragte, ob irgendjemand im Zwangsarbeitslager Masanjia tatsächlich medizinische Behandlung erhielt, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen: „Wenn jemand auf einer Tragbahre hereingebracht wurde, dann bekam er nur eine flüchtige Behandlung. Wenn jemand gesund war, dann eine umfassende Untersuchung … Sie benötigten gesunde Menschen, junge Menschen. Wenn du ein Tantchen um die 60 oder 70 warst, dann kümmerten sie sich nicht um dich.“

Gab es bei den Untersuchungen auch militärisches Personal? „Die brauchten sie nicht. Masanjia ist ganz nah an Sujiatun [Krankenhaus] – nur eine hübsche kurze Fahrt. Wenn sie jemanden brauchten, dann konnten sie ihn einfach zusammenbinden und hinüber schicken. … Normalerweise machten sie das in der Nacht.“

Im Jahr 2007 schrieb sich Yu Xinhui, eben frei gekommen nach fünf Jahren im Gefängnis Guangdong, mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn für eine Fahrt mit einer chinesischen Reisegruppe ins Ausland ein. In Bangkok angekommen, flohen sie zur YMCA und beantragten den Flüchtlingsstatus der Vereinten Nationen. Yu ist in den 30ern, ein Bild an robuster Gesundheit. Als er im Gefängnis war, wurde er wiederholt untersucht, schließlich im Jahr 2005 für eine „nur Organe“-Untersuchung unter militärischer Aufsicht ausgewählt.

Yu macht eine gute Show, meine Fragen geduldig zu beantworten, aber für ihn war es nie ein großes Geheimnis: „Es war allseits bekannt, dass sie im Gefängnis Organraub begehen. … Schon bevor du stirbst, sind deine Organe reserviert.“ Kriminelle Gefangene verspotteten die Praktizierenden: „Wenn ihr nicht macht, was wir sagen, dann quälen wir euch zu Tode und verkaufen eure Organe.“ Dies hört sich wie ein dummes Spiel an, doch jeder wusste, dass es wirklich eine Liste gab: Gefangene und Praktizierende wurden nach einem jährlichen Plan weggebracht. Yu wusste, in welchen Monaten die Busse ankamen und wo sie im Hof parkten. Er machte mit mir auf Google Earth eine Fahrt zum genauen Zielpunkt.

Als die Anklagen von Falun Gong in Bezug auf Organraub im März 2006 auftauchten, schmachtete Yu noch isoliert in einem Gefängnis. So ist es umso interessanter, dass er sich an eine große panikartige Deportation von Gefangenen im Mai 2006 erinnert (vielleicht 400 Personen einschließlich der Praktizierenden). „Es war erschreckend“, sagte Yu. „Sogar ich war in Panik.“ Das Timing passt: Mit all der schlechten Publicity deuteten die Ärzte vom Festland exakt zu dieser Zeit einen Ausverkauf von Organen wegen Geschäftsaufgabe an.

Im Jahr 2007 war der Konsens, dass die chinesische Regierung den Falun Gong-Organraub beendet hatte, um jede neue peinliche Enthüllung vor den Olympischen Spielen zu vermeiden. Daher muss mein letzter Fall als ein Grenzfall betrachtet werden, ein umfassendes medizinisches Examen gefolgt von, … ja, urteilen Sie selbst.

Liu Guifu ist eine 48 Jahre alte Frau, die kürzlich in Bangkok ankam. Sie erhielt eine Untersuchung von Kopf bis Fuß – in Wirklichkeit eine ganze Serie davon – im Pekinger Frauenarbeitslager im Jahre 2007. Sie wurde auch als schizophren diagnostiziert und ihr wurden wahrscheinlich Drogen verabreicht.

Sie erinnert sich aber sehr gut an ihre Untersuchungen. Sie wurde in einem einzigen Monat drei Urintests unterzogen. Man befahl ihr, Flüssigkeiten trinken und sie durfte nicht Wasser lassen, bis sie ins Krankenhaus kam. War dies ein Test auf Diabetes oder Drogen? Das kann nicht ausgeschlossen werden. Aber es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um eine Nierenfunktionsprüfung handelte. Und drei große Blutproben wurden im gleichen Monat genommen, welche ungefähr 1.000 Dollar kosteten. War das Arbeitslager um Lius Gesundheit besorgt? Oder um die Gesundheit eines bestimmten Organs? Vielleicht eines Organs, bei dem eine Gewebeabgleichung mit einem hochrangigen Kader oder einem reichen ausländischen Kunden gemacht wurde?

Entscheidend ist, dass Liu zum einen Mitglied der nicht umerziehbaren Falun Gong-Brigade mit einer Geschichte für die Nutzung von Organen war und zum anderen als geisteskrank eingestuft worden war. Sie war nutzlos, die stärkste Annäherung, die wir zu einem namenlosen Praktizierenden haben, der nie seinen Namen oder seine Heimatprovinz an die Behörden weitergab und somit auch den geringsten gesellschaftlichen Schutz verlor.

Es gab bestimmt Hunderte, wenn nicht Tausende von Praktizierenden, die nur mit Nummern versehen waren. Ich hörte, dass Nummer 200 oder so ähnlich eine talentierte junge Künstlerin mit schöner Haut war, doch ich weiß es nicht wirklich. Keine von ihnen kam lebend aus China heraus.

Vermutlich wird das keine von ihnen. Tibetische Quellen schätzen, dass 5.000 Protestierende bei der Razzia in diesem Jahr verschwanden. Viele wurden nach Qinghai, einem möglichen Zentrum des Organraubs, gebracht. Doch das ist spekulativ. Allerdings stimmen die taiwanischen Ärzte, die den Organraub untersuchen, und diejenigen, die für ihre Patienten Transplantationen arrangieren, in einem Punkt überein: Die Schlusszeremonie der Olympischen Spiele eröffnete die neue Saison für den Organraub.

Manche aus dem Lager der Menschenrechtler werden diese letzte Behauptung mit Skepsis lesen. Bis jedoch gegenteilige Beweise vorliegen, werde ich meine Wette auf Sonderangebotspreise für Organe in China setzen. Ich gebe zu, dass ich mich bei diesem Gedanken ein bisschen ausgebrannt fühle. Dies ist ein Berufsrisiko.

Daher erzählte ich Ihnen diesen eines-Nachts-in-Bangkok-Witz, damit Sie über den ersten Abschnitt hinaus lesen. Was jedoch wirklich zum Lachen ist, ist die verzögernde, formalistische, leicht verlegene Antwort von so vielen auf den Mord von Gewissensgefangenen zum Zweck des Raubes ihrer Organe. Das ist ein bösartiges Verbrechen.

Washington sieht sich seinen eigenen Geboten gegenüber. Der Rückstrom chinesischer Finanzkraft ist stark. Jene in der Regierung wollen nichts hören über Falun Gong und Völkermord in Zeiten der Finanzkrise, mit einem China, das eine große Menge an US-Anleihen hält. Daher sinkt diese Geschichte immer tiefer unter dem bleischweren Gewicht der amerikanischen politischen und journalistischen Apathie. Wenigstens die Europäer haben ihr ein bisschen Luft gegeben. Sie können es sich leisten. Sie sind nicht die Führer der freien Welt.

Es wird argumentiert werden – im Stillen natürlich – dass Amerika keine Möglichkeit zu leichtem Einfluss hat, keine Möglichkeit, das Geschehene ungeschehen zu machen, kein silbernes Geschoss, das das chinesische Regime ändern könnte. Vielleicht nicht, aber wir könnten den Amerikanern verbieten, sich Organe in China transplantieren zu lassen. Wir könnten chinesische medizinische Konferenzen boykottieren, medizinische Verbindungen abbrechen, ein Embargo von chirurgischen Ausrüstungen durchführen. Und wir könnten uns weigern, irgendwelche diplomatische Gipfel abzuhalten, bis die Chinesen eine klare und umfassende Datengrundlage von jedem Organspender in China vorweisen.

Wir müssen vielleicht mit der Chinesischen Kommunistischen Partei leben, noch jedenfalls.. Was das betrifft können wir uns trösten, dass es keine Knochen gibt, im Augenblick zumindest nicht. Es wird keine geben, bis die Partei fällt und die Chinesen anfangen, die Gräber und Aschen zu sichten.

Uns allen wird ein wenig Mitleids-Müdigkeit erlaubt – das ist verständlich. Aber macht keine Fehler: Es gibt schreckliche Echsen. Und jetzt, wo die Olympischen Spiele vorüber sind und die Kameras abgedreht, streunen wieder auf der Erde.

Ethan Gutmann, ein außerordentliches Mitglied der Foundation for the Defense of Democracies, dankt der Earhart Foundation der Familie Wallenberg in Schweden für ihre Unterstützung.

Es ist bereits der dritte Artikel von Gutmann über Menschenrechte und Organraub in China, der im The Weekly Standard veröffentlicht wurde. Er berichtet auch über chinesische Christen, die zusätzlich zu den Falun Gong-Praktizierenden von diesen Machenschaften des kommunistischen Regimes, des Organraubes, in China betroffen sind.

Auf täglicher Basis fallen in China Glaubensgefangene der Machtpolitik der kommunistischen Partei zum Opfer – es werden lebenden Gefangenen gegen ihren Willen lebenswichtige Organe herausoperiert, wie der unabhängige Untersuchungsbericht von Kilgour/Matas dokumentiert (lesen Sie den Bericht unter: http://organharvestinvestigation.net/report0701/report20070131-german.pdf).

Originalartikel (englisch) im Weekly Standart:

http://www.weeklystandard.com/Content/Public/Articles/000/000/015/824qbcjr.asp

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