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Eine Kultivierungsgeschichte: Das Tao des Geschäftslebens

Irgendwann einmal gab es einen jungen Mann, der viele Male die Beamtenprüfung nicht bestanden hatte. Völlig entmutigt entschied er sich, seine Studien aufzugeben und nach dem Tao zu suchen, um ein Unsterblicher zu werden. Eines Tages begab er sich zu einer Höhle in den Bergen und traf dort einen älteren Taoisten. Dieser schaute ihn sorgfältig an und war ganz zufrieden, mit dem was er sah.

Er fragte den jungen Mann bedächtig: „Was möchtest du denn lernen? Ich habe eine magische Hand, die Steine in Gold verwandeln kann, die Fertigkeit des Fliegens und ich kann mich auch in Luft auflösen.“ Der junge Mann dachte nur kurz nach und sagte aufrichtig: „Ich möchte das Tao lernen.“ Daraufhin erklärte ihm der alte Taoist jeden Tag das Tao und lehrte ihn zu meditieren, um so schließlich innere Ruhe zu erreichen.

Nach einigen Jahren sagte der Meister zu seinem Schüler: Ich möchte einen großartigen Tempel bauen, habe aber das Geld dazu nicht. Geh von nun an auf den Markt am Fuße des Berges, Rouge (kosmetische Schminke) verkaufen.“ Der junge Mann mochte dies nicht, doch es war eine Anweisung seines Meisters und so hatte er zu gehorchen. Er fragte den alten Kultivierenden: „Meister ich besitze keinen einzigen Pfennig, woher kann ich Rouge bekommen, um es zu verkaufen?“ Der Meister deutete auf einen Haufen Steine. In einem Augenblick erschienen viele Schachteln mit Rouge hoher Qualität.

Es war dem jungen Mann unbegreiflich, warum sein Meister – der beliebig Dinge in etwas anderes verwandeln konnte – ihn beauftragte ausgerechnet Rouge zu verkaufen um Geld zu verdienen. Trotz einiger Zweifel und einem inneren Widerwillen befolgte er den Wunsch seines Meisters.

Jeden Tag im Morgengrauen machte er sich auf den Weg ins Tal um das Rouge zu verkaufen. Er war introvertiert – höflich und schüchtern. Auf dem Markt fühlte er sich fehl am Platz. Er entschied sich für eine stille Ecke auf dem lauten Markt und versuchte sein Rouge loszuwerden. Er pries es jedoch mit einer sehr leisen Stimme an und wurde von den Vorbeigehenden kaum wahrgenommen. Sein Meister stand nicht weit von ihm entfernt und schüttelte seinen Kopf: Sein Schüler fürchtete sich vor dem weltlichen Markt.

Der Meister verwandelte sich in einen derben Metzger mit einem großen Fleischerbeil. Er ging auf seinen Schüler zu und fragte ihn, was er verkaufe. Der junge Mann neigte sein Haupt und errötete vor Scham. Bald klärte sich seine Stimme und er sagte mit zittrigem Klang: „Ich verkaufe Rouge.“ Der Schlachter sagte zu ihm: „Wenn du irgendetwas verkaufen willst, musst du lauter sprechen, damit die Leute dich hören können. Mit einer solch schwachen Stimme, wer sollte dich verstehen? Wenn du noch einmal mit so leiser Stimme sprichst, werde ich deine Behälter zerstören.“

Der junge Mann konnte gar nicht begreifen, was passiert war. Ein Minute zuvor war der Markt noch in Ordnung, dann erschien dieser rüde Fleischer aus dem Nichts. „Nun gut“, dachte er, „ich habe das zu tun, was der Meister mir aufgetragen hat.“ Und so überwand er seine Schüchternheit und pries allmählich seine Produkte mit lauter Stimme an.
Der Markt war nicht der ruhigste Ort. Es gab immer wieder Streitereien zwischen Marktleuten, laute Wortwechsel zwischen Marktbesuchern, weinende Kinder und pöbelnde Durchreisende. Es dauerte jeweils lange, bis er zur Ruhe kommen konnte, nachdem er auf den Berg zurück gekehrt war.
Seine Aufgabe stellte ihn vor viele Fragen. Langsam gelangte er zu der Erkenntnis, ein Kultivierender zu sein und dass er für das „Tao“ gekommen war. Wenn er das Tao einmal im Herzen hätte, würde er von der weltlichen Umgebung nicht mehr tangiert werden. Wirklich, da war nichts, was er nicht überwinden konnte.

Ein Monat war vergangen, doch der junge Mann hatte noch nicht einen Verkauf gemacht. Ihm wurde bewusst, dass Rouge zu verkaufen noch schwieriger als Kultivierung war. Später begriff er, dass er, um Rouge zu verkaufen, mit Frauen in Kontakt kommen müsse. Das war wirklich ein Problem; nicht nur, dass er mit Frauen reden musste, er sollte ihnen auch helfen, das Rouge aufzulegen. Langsam gewann er die Erkenntnis, dass er ein Kultivierender und kein gewöhnlicher Mensch war. Nichts sollte sein Herz für die Kultivierung berühren.

Eines Tages wollte eine Gottheit oben im Tempel sehen, wie standhaft er war. Sie verwandelte sich in eine wunderschöne junge Dame und machte vor dem jungen Mann verführerische Gesten. Doch er war überhaupt nicht bewegt. Die Gottheit freute sich und verwandelte sich in eine einfache Frau mittleren Alters. Als sie das Rouge gekauft und etwas in ihr Gesicht aufgetragen hatte, wurde sie sofort zu einer jungen Frau. Viele Menschen sahen das und kamen ebenfalls herbei, um dieses Wunderrouge zu kaufen.

Ganz zufällig war die Königin zur gleichen Zeit in den nahegelegenen Tempel gereist, um Buddha zu verehren. Als sie die begeisterten Menschen sah, erkundigte sie sich nach dem Grund der Aufregung. Als man ihr von dem Rouge erzählte, kaufte sie alles für hundert Goldstücke. Der junge Mann betrachtete die hundert Goldstücke und dachte, sein Meister könnte endlich den Tempel errichten. Fröhlich ging er seines Weges, zurück auf den Berg.

Auf halbem Weg auf den Berg, sah der junge Mann einige Soldaten, die versuchten, einer Gruppe junger Mädchen Gewalt anzutun. Sofort rief der junge Mann mit lauter Stimme, er habe hundert Goldstücke bei sich und würde diese als Gegenleistung für die jungen Mädchen hergeben. Der Anführer der Soldaten war sofort bereit, das Gold anzunehmen und die Mädchen gehen zu lassen. Nach diesem Vorfall dachte der junge Mann, dass alles so unvorhersehbar sei; vor einer Minute hätte der Wunsch seines Meisters in Erfüllung gehen können, doch nun waren alle Goldstücke weg und genauso seine Gedanken, einen Tempel zu bauen.

Er erzählte dem Meister die ganze Geschichte. Als dieser die Geschichte seines Schülers über die Gruppe junger Mädchen hörte, deutete der Meister gen Himmel. Der junge Mann erblickte einen großartigen Tempel. Der Meister sagte: „Du hast mir wirklich geholfen, diesen Tempel zu bauen. Der Tempel wurde errichtet, als du dein Herz ruhig und standhaft bewahrt hast, als du Rouge verkauftest.“

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