„Der Albtraum geht wieder von vorne los“

Han Guangzi riss die Augen auf, als auf ihrem Telefon ungewöhnlich früh mit einem Piepton eine Nachricht aufleuchtete. Im nächsten Moment war sie hellwach und versuchte, mit der Mitteilung fertig zu werden, die sie lange befürchtet hatte. Auf der Anzeige ihres Telefons stand folgende Nachricht von ihrer Mutter: „Dein Vater wurde wieder verhaftet.“

„Es ist, als ob der Albtraum wieder von vorne losgeht“, sagte sie der Epoch Times.

Han Guangzi, Studentin am Fei Tian College, in Manhattan am 9. April 2024. Ihr Vater Han Wei wurde am 29. März in China wegen seines Glaubens an Falun Gong verhaftet, eine Meditationsschule, die in dem Land seit 1999 verfolgt wird.

Han Guangzi ist amerikanische Staatsbürgerin. Die ersten 13 Jahre ihres Lebens lebte sie in China. Für sie war es ein Albtraum: ein Land, in dem ihr Glaube, Falun Gong, verboten ist.

Wie für unzählige andere Chinesen begann sich für die Familie Han im Jahr 1999 plötzlich alles zu ändern. Nachdem das kommunistische Regime eine umfassend angelegte Verfolgung von Falun-Gong-Praktizierenden einleitete, lebten sie in Angst und Unsicherheit.

Verfolgung von 70 Millionen Bürgern

Es war der Beginn einer Verfolgung von 70 Millionen unschuldigen chinesischen Bürgern, die nach den Grundsätzen Wahrhaftigkeit, Barmherzigkeit und Nachsicht leben.

Der staatliche Autobahnbetreiber in Chinas nördlichster Provinz Heilongjiang entließ daraufhin ihren Vater, Han Wei, der dort als Büroleiter arbeitete, nachdem er sich geweigert hatte, seinem Glauben abzuschwören. Dadurch wurde die Haupteinkommensquelle der Familie abgeschnitten. Seine erste Verhaftung erfolgte, als Han Guangzi noch nicht einmal einen Monat alt war.

Seit ihrer Kindheit hat sie das Bild vor Augen, wie die Polizei in ihrer schwarzen Uniform sich in ihre Wohnung drängt. Elf Jahre, nachdem die junge Frau in die Vereinigten Staaten geflohen war, erinnert sie das Schicksal ihres Vaters daran, dass sie diese Erinnerungen nicht abschütteln kann.

Han Guangzi mit ihren Eltern im Jahr 2007. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Han Guangzi

Die Verhaftung am 29. März war bereits die fünfte Verhaftung ihres Vaters aufgrund seines Glaubens an Falun Gong. Han, der in den USA den Status eines Flüchtlings besitzt, war zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren untergetaucht, um der polizeilichen Verfolgung zu entgehen.

Die Behörden spürten ihn dennoch auf, nachdem er einige Textnachrichten versendet hatte, um andere über die Unterdrückungskampagne der Kommunistischen Partei zu informieren.

Hightech-Überwachung

Mithilfe von Big Data machte die Polizei zunächst den Bruder von Han ausfindig, der nicht Falun Gong praktiziert, und führte eine Hausdurchsuchung bei ihm durch. Die Freundin des Mannes war so in Panik, dass sie an Ort und Stelle einen Herzinfarkt bekam und ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, sagte Lu Shiyu, die Frau von Han Wei, gegenüber der Epoch Times.

Nachdem sie seinen Bruder festgenommen hatte, spürte die Polizei Han Wei mithilfe von Gesichtserkennungsprogrammen und den Standortdaten seines Telefons auf und überfiel ihn, als er gerade Lebensmittel einkaufte.

Han Guangzi studiert an dem New Yorker Fei Tian College. Sie tourte gerade mit Shen Yun Performing Arts, als sie von ihrer Mutter benachrichtigt wurde. Shen Yun ist ein Ensemble, das sich zum Ziel gesetzt hat, Chinas jahrtausendealte Zivilisation durch klassischen chinesischen Tanz und Musik frei von kommunistischem Einfluss zu präsentieren.

Es war etwa eine Woche später, als die Familie von dem Vorfall erfuhr. Die chinesische Polizei hat die Familie weder benachrichtigt noch während oder nach der Verhaftung irgendwelche Dokumente vorgelegt.

„Es gab kein Verfahren, keinen Haftbefehl, nichts“, sagte Hans Frau Lu Shiyu. Das sei in China wegen des undurchsichtigen Rechtssystems normal. Den Grundrechten einer Person würde wenig Bedeutung beigemessen.

Aus den Informationen, die ihre Schwiegereltern in China gesammelt hatten, erfuhr Lu, dass die Polizei ihren Mann verhört hatte, konnte aber keine Einzelheiten nennen.

Die dünne Informationslage hat die Sorgen der Familie noch verstärkt, da sie sich um das brutale Vorgehen des Regimes gegenüber Falun-Gong-Praktizierenden bewusst sind.

„In einem chinesischen Gefängnis kann alles passieren“, sagte die Tochter Han Guangzi. Sie hat die Stimme ihres Vaters nicht mehr gehört, seit sie China im Jahr 2013 verlassen hatte.

Behörden ziehen Pass ein

Im Jahr 2015 gewährten die Vereinigten Staaten ihrem Vater den Flüchtlingsstatus. Er buchte einen Flug nach New York für den 14. November desselben Jahres, um seine Familie wiederzusehen.

Am Zoll teilte ihm ein chinesischer Beamter jedoch mit, dass sein Pass ungültig sei – er wurde von den örtlichen Behörden eingezogen, „weil die Person Falun Gong praktiziert“, so Lu.

Der Vater wurde bei früheren Verhaftungen schwer misshandelt. Im Jahr 2001 fesselte ihn die Polizei an einen Stuhl, schlug ihn und zog eine Plastiktüte über seinen Kopf, sodass er fast erstickte.

Um ihn zu zwingen, auf seinen Glauben zu schimpfen, fesselten sie ihn mit Handschellen oben an einen Türrahmen, sodass sein Körpergewicht vollständig auf den Handschellen lastete. Dann schwenkten sie seinen Körper, um die Schmerzen zu verstärken. In dieser Position blieb er eine ganze Nacht lang. Die Narben an seinen Handgelenken sind bis heute geblieben.

In einem anderen Gefängnis im Jahr 2006, in dem er 1,5 Jahre einsaß, klebte die Polizei manchmal seinen Mund mit Klebeband zu, um ihn daran zu hindern, „Falun Dafa ist gut“ zu rufen.

Zweimal brach sein Getränkegeschäft wegen der Verhaftungen zusammen.

Nachdem die Polizei ihn im Jahr 2016 mehr als zwei Monate lang eingesperrt hatte, stellte sie Han auf internationalen Druck hin unter Hausarrest.

„Er lebte wie ein Höhlenmensch“

Han nutze die Gelegenheit, zu fliehen und versteckte sich in ländlichen Gebieten. Er verriet nicht einmal seiner Familie seinen Aufenthaltsort. Mehrere Jahre lang benutzte er weder ein Telefon noch einen Computer.

„Er lebte wie ein Höhlenmensch“, sagte seine Frau. „Ich habe mich nicht getraut, zu fragen, wo er ist.“

Han Guangzi, Studentin am Fei Tian College in New York, hält am 9. April 2024 in New York City ihr Handy in der Hand, auf dem eine SMS mit der Nachricht von der Verhaftung ihres Vaters erscheint. Ihr Vater Han Wei wurde am 29. März in China verhaftet, weil er an Falun Gong glaubt, eine Meditationsschule, die in China seit 1999 verfolgt wird. (Teile dieses Bildes wurden zum Schutz der Privatsphäre unscharf dargestellt.) Foto: Samira Bouaou/The Epoch Times

Han Guangzis größte Angst in all den Jahren war, dass sie ihren Vater nie wiedersehen würde.

Als Siebenjährige hatte sie ihren Vater im Jahr 2007 im Gefängnis besucht. Sie traf ihn in einem Raum, der für sie wie eine Cafeteria aussah. Er sagte nur wenig und lächelte sie immer wieder an. Ihr fiel auf, dass seine Zähne schief aussahen. Nach Angaben der Familie verlor er wegen der harten Haftbedingungen einen Vorderzahn.

Angst in der Luft

Ohne ihren Vater fühlte sich das Haus „sehr leer“ an, erinnert sie sich. „Ich hatte Angst, dass meine Klassenkameraden fragen würden, wo mein Vater ist. Ich hätte nicht gewusst, was ich sagen sollte.“

Selbst in den Tagen, als sie gemeinsam in China waren, lag die Angst vor einer möglichen Verhaftung stets in der Luft. Jedes Mal, wenn ein Telefonanruf an ihren Vater nicht durchkam, war die Familie beunruhigt.

Han fordert die Menschen in westlichen Nationen auf, der Notlage von Verfolgten wie ihrem Vater, dessen Liebe ihr durch das Regime seit über einem Jahrzehnt vorenthalten wird, mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Zumindest wünscht sie, dass die Behörden ihn freilassen, damit er wenigstens in Sicherheit ist. Die Kommunistische Partei Chinas habe „kein Recht, jemanden zu verfolgen“, sagte sie.

Quelle: „Der Albtraum geht wieder von vorne los“: Vater einer Amerikanerin von der chinesischen Polizei entführt

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